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Der Feierabend verschoben: Wie Deutschland den Ruhestand neu definiert

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Der Feierabend verschoben: Wie Deutschland den Ruhestand neu definiert

Deutschland hat einen neuen Lieblingswert entdeckt. Er steht nicht auf der Uhr, sondern im Kalender. Es ist das Alter. Genauer gesagt: ein Alter, das man früher respektvoll verabschiedet hätte und heute freundlich bittet, doch bitte noch ein paar Jahre zu bleiben. Die Erwerbsarbeit hat das Seniorenheim entdeckt – und umgekehrt.

In kaum einem anderen europäischen Land ist die Arbeitswelt so grau meliert wie hier. Grau im besten Sinne: erfahren, abgeklärt, wetterfest. Während anderswo der Nachwuchs die Büros erobert, setzt Deutschland auf Kontinuität. Wer einmal eingearbeitet ist, wird nicht mehr losgelassen. Nicht aus Bosheit, sondern aus Vernunft. Schließlich weiß diese Generation noch, wo der Lichtschalter ist, wenn die IT streikt.

Das neue Idealbild des Arbeitsmarkts trägt bequeme Schuhe, besitzt mindestens eine Lesebrille und kann Geschichten erzählen, die mit „Damals, als wir noch …“ beginnen. Erfahrung ist zur wichtigsten Ressource geworden – und die ist nun mal nicht unendlich reproduzierbar. Also wird sie gestreckt. Zeitlich.

Der klassische Lebenslauf hat sich stillschweigend verändert. Früher hieß es: Ausbildung, Beruf, Rente. Heute lautet die Abfolge eher: Ausbildung, Beruf, Beruf, Beruf, leichte Ermüdung, Beruf, gelegentliche Rückenschmerzen, Beruf, Rente als Konzept. Der Ruhestand ist nicht abgeschafft, er wurde nur zeitlich flexibilisiert. Sehr flexibel.

Politisch wird das Ganze elegant begleitet. Man spricht von längerer Lebensarbeitszeit, von Aktivität im Alter, von Teilhabe. Worte, die gut klingen und nichts kosten. Wer länger arbeitet, gilt als engagiert. Wer früher gehen möchte, muss erklären, warum. Erklärungen sind die neue Währung.

Der demografische Wandel wird dabei gerne bemüht. Er kommt immer dann ins Spiel, wenn man etwas verlängern möchte. Arbeitszeit, Beitragszahlungen, Geduld. Der Wandel wird wie eine Naturgewalt dargestellt – dabei ist er eher ein Organisationsproblem mit statistischer Begleitmusik. Doch Zahlen haben Autorität. Und wer Zahlen präsentiert, muss keine Gefühle erklären.

Interessant ist der internationale Vergleich. In anderen Ländern scheint man die Idee zu verfolgen, dass Arbeit irgendwann auch einmal endet. Fast schon radikal. Dort verlässt man den Arbeitsplatz, bevor man die Tastatur größer einstellen muss. In Deutschland hingegen gilt: Solange die Finger noch treffen, ist alles in Ordnung.

Die durchschnittliche Verabschiedung aus dem Berufsleben rückt Jahr für Jahr nach hinten. Nicht schlagartig, sondern schleichend. So schleichend, dass man es kaum merkt. Plötzlich ist man 64, dann 65, dann „fast 66“. Und immer noch da. Der Kalender wird zum subtilen Motivationsinstrument.

In den Betrieben selbst wird diese Entwicklung pragmatisch aufgenommen. Die Generation mit Erfahrung wird geschätzt. Sie kennt Prozesse, Abkürzungen und die richtige Tonlage für E-Mails. Sie weiß, welche Meetings man ernst nehmen muss – und welche man einfach aussitzt. Sitzfleisch ist schließlich auch eine Qualifikation.

Natürlich bringt das Herausforderungen mit sich. Neue Software trifft auf alte Gewohnheiten. Jüngere erklären Funktionen, Ältere erklären Zusammenhänge. Ein Austausch, der offiziell als „Wissensmanagement“ bezeichnet wird und inoffiziell als „Bitte erklär mir das nochmal langsam“.

Gesundheit wird dabei zur betrieblichen Gemeinschaftsaufgabe. Ergonomische Stühle, höhenverstellbare Tische, Rückenkurse. Der Körper darf knacken, solange die Produktivität nicht quietscht. Wer es bis zur Arbeit schafft, gilt als einsatzfähig. Alles andere ist Feinjustierung.

Der Staat wiederum betrachtet diese Entwicklung mit wohlwollender Nüchternheit. Jeder zusätzliche Monat im Job entlastet die Rentenkasse. Das ist keine Ideologie, das ist Mathematik. Wer arbeitet, kostet weniger. Und wer weniger kostet, ist willkommen. Solidarität zeigt sich hier nicht im Aufhören, sondern im Durchhalten.

So entsteht langsam eine neue Arbeitskultur. Arbeit ist nicht mehr der Mittelteil des Lebens, sondern dessen Klammer. Sie hält alles zusammen. Freizeit wird zum Nebeneffekt, Ruhestand zur theoretischen Möglichkeit. Wer darüber spricht, wird freundlich angehört – und dann gefragt, ob er nicht noch ein Projekt übernehmen könne.

Die jüngeren Generationen schauen interessiert zu. Einerseits lernen sie von Erfahrung, andererseits sehen sie, was sie erwartet. Karriere wird nicht mehr als Aufstieg, sondern als Langstreckenlauf verstanden. Wer früh losläuft, kommt vielleicht irgendwann an. Oder bleibt einfach unterwegs.

Das Bild des „aktiven Alters“ wird dabei neu interpretiert. Aktiv heißt nicht mehr reisen oder entspannen, sondern erreichbar bleiben. Aktiv ist, wer Termine wahrnimmt. Und wer Termine wahrnimmt, ist beschäftigt. Beschäftigung wiederum ist der beste Beweis dafür, dass alles funktioniert.

Am Ende steht Deutschland als Vorbild einer besonderen Art. Nicht jung, nicht alt, sondern ausdauernd. Ein Land, das nicht fragt, wann Schluss ist, sondern wie man weitermacht. Die Arbeitsbevölkerung ist älter, aber nicht leiser. Sie arbeitet weiter – mit Routine, mit Gelassenheit und mit dem leisen Wissen, dass der Ruhestand irgendwo da draußen wartet. Geduldig. Sehr geduldig.

Und vielleicht ist genau das die neue Stärke: Nicht schneller, nicht frischer, sondern zäher. Ein Arbeitsmarkt, der nicht loslässt, sondern festhält. Bis zuletzt.