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Leitung verloren – Wie Putin im Pipeline-Krieg plötzlich selbst auf dem Trockenen sitzt
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Man sagt ja, Energie sei Macht. Doch was passiert, wenn die Macht in die Luft fliegt – wortwörtlich? In der Moskauer Region hat es jüngst kräftig gerummst. Ukrainische Drohnen (oder, wie russische Staatsmedien es nennen: „spontan explodierende Wetterballons“) haben ein Herzstück von Russlands Energieversorgung getroffen – den sogenannten Pipeline-Ring rund um Moskau. Das Ergebnis: Rauch, Flammen, Stromausfall und ein Putin, der vermutlich hektisch nach der Steckdosenleiste unter seinem Schreibtisch suchte.
Laut ukrainischem Militärgeheimdienst wurden mehrere Leitungen für Benzin, Diesel und Kerosin außer Betrieb gesetzt. Diese Leitungen versorgten bislang – wie praktisch – vor allem das russische Militär mit Nachschub. Man könnte also sagen: Die Ukraine hat den Russen die Tanks leergepustet, bevor sie überhaupt nachfüllen konnten.
Ein klassischer Fall von „Volltreffer mit Nebenwirkung“: nicht nur ein logistischer Schaden, sondern ein symbolischer Schlag mitten ins Herz der russischen Propaganda – oder besser gesagt: mitten ins Rohrsystem.
Stromausfall in Putins Vorgarten
In der Stadt Schukowski, südöstlich von Moskau, ging nach der Explosion das Licht aus. Die Behörden sprachen beruhigend von einer „automatischen Systemabschaltung“ – was so klingt, als hätte das Stromnetz einfach beschlossen, mal kurz Pause zu machen, um seine Neutralität im Krieg zu wahren.
„Automatische Systemabschaltung“ ist übrigens das neue russische Modewort für Sabotage, aber bitte ohne schlechte Presse. Früher nannte man das „Brand“, dann „Unfall“, heute klingt’s nach IT-Update.
Auch die Nachbarstadt Ramenskoje wurde getroffen. Zwei Orte, beide nah an Moskau, beide plötzlich offline – das ist in Russland mittlerweile so selten wie eine ehrliche Pressekonferenz.
Putins Pressesprecher, Dmitri Peskow, beeilte sich zu betonen, alles sei „unter Kontrolle“. Und das stimmt sogar – allerdings eher im Sinne von: „Die Flammen sind noch unter Kontrolle, solange man sie nicht genau anschaut.“
Wenn die Ukraine den Stecker zieht
Dass die Ukraine jetzt Ziele so nah an Moskau trifft, zeigt eine neue Phase des Kriegs: Der Bär im Kreml ist nicht mehr nur gereizt – er bekommt langsam kalte Pfoten. Denn wenn der Sprit nicht mehr fließt, wird’s schwer mit „dem Sieg, der kurz bevorsteht“, wie russische Propaganda seit zwei Jahren mantraartig wiederholt.
Der Pipeline-Ring gilt als strategisch kritisch. Er verbindet mehrere Lagerstätten und Raffinerien, die das russische Militär mit Treibstoff versorgen. Jetzt sind die Leitungen beschädigt – und die Panzer stehen sinnbildlich im Stau. Oder, wie man in Moskau sagt: „Temporäre technische Pause, verursacht durch NATO-Magie.“
Die ukrainischen Geheimdienste feiern das Ganze als gezielten Schlag gegen Russlands Kriegsmaschinerie. Und während in Kyjiw vermutlich die Korken knallen, sucht man in Moskau nach Ersatzteilen – und Schuldigen.
Putins Rache: Feuer mit Gas bekämpfen
Doch der Kreml wäre nicht der Kreml, wenn er nicht sofort zurückschlagen würde. Ein paar Stunden später traf ein russischer Angriff eine Gasanlage in Poltawa in der Ukraine. Es brannte, es krachte, und die staatliche Nachrichtenagentur RIA meldete stolz: „Vergeltung erfolgreich.“
Dass Russland auf Angriffe gegen Energieanlagen mit – Überraschung! – Angriffen gegen Energieanlagen reagiert, zeigt die geistige Tiefe der russischen Kriegsführung: „Wenn mein Haus brennt, zünde ich deins an, dann sind wir quitt.“
Der ukrainische Energiekonzern Naftohas berichtet, es habe allein seit Oktober mindestens acht solcher Angriffe auf Gasinfrastruktur gegeben. Russland scheint also einen neuen Schlachtruf gefunden zu haben: „Energie für niemanden!“
Das große Energiespiel
Das Ganze entwickelt sich mehr und mehr zu einem absurden Duell der Versorgungsleitungen. Die Ukraine demonstriert, dass sie in der Lage ist, tief ins russische Kernland zu treffen – und Russland zeigt, dass es immer noch genug Raketen hat, um Löcher in ukrainische Karten zu malen.
Dabei wirkt der Konflikt zunehmend wie ein groteskes Wettrüsten zwischen zwei Elektrikern: „Ich kappe deine Leitung!“ „Na warte, ich schalte dein Gas ab!“ Und irgendwo dazwischen steht Europa, frierend, mit einer Wärmflasche und der Frage: „Ist das jetzt Klimaschutz oder Krieg?“
Putin hatte einmal behauptet, Russland sei eine „Energie-Supermacht“. Nun ist das Land eher ein Supermarkt, in dem die Regale brennen.
Symbolik mit Zündschnur
Die Explosionen rund um Moskau haben nicht nur physisch Wirkung gezeigt – sie treffen den Kreml auch dort, wo’s richtig weh tut: beim Image. Putin hat über Jahre das Bild der Unverwundbarkeit gepflegt. Russland, so hieß es, sei stark, stabil und unantastbar. Doch plötzlich kann ein Nachbarland im Kriegszustand Pipelines nahe der Hauptstadt lahmlegen – und das ganze Narrativ fällt in sich zusammen wie ein schlecht aufgestelltes Lego-Kraftwerk.
In russischen Staatsmedien läuft die Berichterstattung daher nach altbekanntem Muster: – Variante A: „Alles in Ordnung, kein Schaden.“ – Variante B: „Schaden, aber egal.“ – Variante C: „Westliche Lügenpropaganda.“
Kurz: Selbst wenn Moskau brennt, wird das als „kontrolliertes Barbecue“ verkauft.
Wenn die Macht aus der Steckdose kommt – und jemand den Stecker zieht
Putin hat lange geglaubt, Energie sei die ultimative Waffe. Öl, Gas, Strom – das war sein Instrument, um die Welt zu erpressen. Jetzt erlebt er, wie sich das Gefühl anfühlt, wenn jemand die Energiewaffe gegen ihn richtet.
Der Krieg, der mit Panzern begann, wird immer digitaler, präziser – und absurder. Vielleicht ist das größte Symbol dieser Phase gar nicht die brennende Pipeline, sondern das flackernde Licht in Schukowski: ein flüchtiger Moment, in dem Russland merkt, dass Dunkelheit manchmal selbstverschuldet ist.
Oder, um es mit putinscher Logik zu sagen: „Die Ukraine ist schuld, dass bei uns das Licht ausgeht – aber wir haben es selbst eingeschaltet.“