- Veröffentlicht am
- • Politik
Eine Milliarde beleidigt: Wenn Machtpolitik Nachhilfe in Denken gibt
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Manchmal erkennt man große Politik daran, dass sie sich anfühlt wie ein Streit im Treppenhaus: laut, persönlich und mit der festen Überzeugung, dass am Ende irgendwer zahlen muss. In diesem Fall lautet die Rechnung nicht „Hausmeisterservice“, sondern eine glatte Milliarde Dollar. Absender: die mächtigste Regierung der Welt. Empfänger: eine Universität, die sich offenbar erdreistet hat, selbst zu denken.
Die Summe wirkt dabei weniger wie das Ergebnis nüchterner Kalkulation, sondern eher wie eine Zahl, die spontan entstand – irgendwo zwischen gekränktem Stolz, politischer Wut und dem Wunsch, ein besonders lautes Ausrufezeichen zu setzen. Eine Milliarde ist keine Forderung, das ist ein Gefühl. Und zwar eines, das sagt: Ich bin nicht nur enttäuscht, ich bin kreativ beleidigt.
Der eigentliche Vorwurf bleibt dabei angenehm unscharf. Es geht um Haltung, um Atmosphäre, um falsche Schilder, falsche Programme, falsche Studierende. Kurz: um eine Universität, die nicht verstanden hat, dass akademische Freiheit bitte nur so lange gilt, wie sie niemanden nervt. Denken ja – aber bitte genehmigt. Debatte gern – aber ohne Debattierende.
Besonders elegant ist die Argumentationslinie: Wenn auf einem Campus Menschen demonstrieren, dann haftet die Institution. In letzter Konsequenz müsste man also auch Bibliotheken schließen, weil jemand ein falsches Buch gelesen hat, oder Hörsäle versiegeln, weil darin unbequeme Fragen gestellt wurden. Bildung als Haftungsrisiko – neu, aber konsequent.
Die Botschaft dahinter ist klar: Universitäten sollen lehren, nicht irritieren. Sie sollen Wissen produzieren, aber bitte kein eigenes Weltbild. Wer glaubt, Forschung sei unabhängig, hat offenbar das neue Kleingedruckte übersehen. Fördergelder gibt es nicht für Erkenntnis, sondern für Wohlverhalten.
Der Höhepunkt dieser politischen Choreografie ist die Ankündigung, künftig „nichts mehr“ mit der Universität zu tun haben zu wollen. Das klingt ungefähr so glaubwürdig wie jemand, der nach dem dritten Espresso verkündet, nie wieder Kaffee zu trinken. Denn ausgerechnet diese Hochschule war jahrzehntelang Brutstätte genau jener Eliten, die später Ministerien, Behörden und internationale Organisationen bevölkerten. Man will also mit dem Ort brechen, der das eigene Führungspersonal geliefert hat. Revolution frisst Alma Mater.
Noch absurder wird es, wenn man sich den Mechanismus anschaut: Eine Regierung kürzt Gelder, weil ihr die innere Verfasstheit einer Universität nicht gefällt – und fordert anschließend Schadenersatz. Das ist, als würde man ein Restaurant schließen, weil einem die Speisekarte nicht passt, und danach Geld verlangen, weil man hungrig geblieben ist.
Die Weigerung der Hochschule, interne Programme umzubauen und Studierende politisch zu durchleuchten, wird dabei als Provokation gewertet. Eigenständigkeit gilt plötzlich als Widerstand. Autonomie als Affront. Wer nicht kooperiert, kooperiert zu wenig – und wer zu wenig kooperiert, bekommt die Rechnung.
Die Zahl selbst – diese Milliarde – entwickelt fast poetische Qualität. Sie steht symbolisch für alles, was man nicht messen kann: verletztes Ego, Machtanspruch, das Bedürfnis, Kontrolle sichtbar zu machen. Sie ist kein Betrag, sie ist ein Statement. Ein sehr teures.
Währenddessen versucht die Universität etwas altmodisch Anmutendes: Sie klagt. Mit Anwälten, Aktenordnern und juristischen Argumenten. Das wirkt in dieser Gemengelage fast rührend. Recht trifft auf Rhetorik, Paragraph auf Post. Der Konflikt wird damit zum Duell zweier Kommunikationsformen: Hier der formelle Satz, dort die digitale Drohgebärde.
Die eigentliche Tragikomödie liegt jedoch in der Verwechslung von Bildungspolitik mit Erziehung. Universitäten sollen offenbar wieder wissen, wer das Sagen hat. Nicht durch Diskussion, sondern durch Entzug. Nicht durch Überzeugung, sondern durch Kontostand. Erkenntnis unter Vorbehalt, Wahrheit mit Preisschild.
Am Ende bleibt ein Schauspiel, das kaum grotesker sein könnte: Eine Regierung, die Wissenschaft als widerspenstigen Vertragspartner behandelt. Eine Universität, die sich plötzlich wie ein Angeklagter fühlt, weil sie Studierende hat. Und eine Milliarde Dollar, die mehr über politische Befindlichkeiten aussagt als über reale Schäden.
Vielleicht wird das alles juristisch geklärt. Vielleicht wird verhandelt, verglichen, reduziert. Vielleicht verschwindet die Zahl irgendwann wieder in der Schublade der großen Ankündigungen. Doch eines bleibt: der Eindruck, dass Macht hier nicht argumentiert, sondern abrechnet.
Und so steht sie nun im Raum, diese Milliarde. Nicht als Lösung, sondern als Drohkulisse. Nicht als Rechnung für ein Vergehen, sondern als Mahnung: Denken kostet. Und manchmal sehr viel.