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Der Löwe im Wohnzimmer – Wie Amerikas Zölle den eigenen Kühlschrank füttern
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Es gibt politische Erzählungen, die klingen wie moderne Fabeln. In dieser Geschichte steht ein mächtiger Löwe im Zentrum. Er brüllt: „Die anderen zahlen!“ Und irgendwo in der Ferne sollen fremde Händler ehrfürchtig ihre Geldbeutel öffnen.
Nur dummerweise sitzt der Löwe im eigenen Wohnzimmer – und findet die Rechnung im eigenen Briefkasten.
Seit Jahren wird verkündet, Importabgaben seien eine Art magischer Geldautomat. Man drehe in Washington am Rad, und schon spucken Fabriken im Ausland die Dollars aus. Doch eine Auswertung der Federal Reserve Bank of New York hat den Taschenrechner bemüht und festgestellt: Rund 90 Prozent der Zusatzkosten bleiben im Inland hängen.
Das klingt weniger nach einem Triumphmarsch und mehr nach einem Kassenbon.
Kapitel 1: Das Zoll-Orakel
Zölle funktionieren nicht wie ein Fluch aus einem Fantasy-Roman. Sie werden beim Import fällig – also bei dem Unternehmen, das die Ware ins Land bringt. Dieses Unternehmen steht dann vor drei Möglichkeiten:
- Preise erhöhen.
- Gewinne senken.
- Den Hersteller im Ausland anbetteln, er möge einen Rabatt gewähren.
Variante drei klingt romantisch, wird aber offenbar selten gewählt. Laut Berechnungen landen etwa 90 Prozent der Zusatzlast bei amerikanischen Unternehmen und Konsumenten. Das Congressional Budget Office kommt in einer eigenen Analyse zu ähnlichen Ergebnissen.
Kurz gesagt: Die Pizza wird geliefert – aber der Belag kostet extra.
Kapitel 2: Der durchschnittliche Zoll und seine Abenteuer
Der durchschnittliche Satz stieg von bescheidenen 2,6 auf 13 Prozent. In der Welt der Handelsstatistiken mag das abstrakt wirken. Im Alltag bedeutet es: Alles, was mit importierten Bestandteilen zu tun hat, wird teurer.
Stahl? Aluminium? Konservendosen? Getränkedosen? Wenn Einfuhren mit bis zu 50 Prozent belastet werden, wird selbst die Limonade zur geopolitischen Erfahrung.
Die Federal Reserve stellte zudem fest, dass ein spürbarer Teil der Inflation auf diesen Zolldruck zurückgeht. Das klingt nüchtern – bis man feststellt, dass Preissteigerungen selten Applaus auslösen.
Kapitel 3: Politik trifft Preisschild
Zölle sind ein Lieblingsinstrument von Donald Trump. Sie versprechen Stärke, Einnahmen und industrielle Rückkehr. Sie sind zugleich wirtschaftspolitisches Werkzeug und diplomatische Keule.
Mal werden sie angekündigt, mal verschoben, mal verdoppelt, mal halbiert. Mit Fristen, Ausnahmen und Sonderregelungen, die selbst Buchhalter ins Schwitzen bringen.
Manchmal wirkt es, als würde ein Dirigent mit geschlossenen Augen das Zoll-Orchester leiten – die Musiker spielen, während das Publikum versucht herauszufinden, welcher Takt gerade gilt.
Kapitel 4: Der Löwe und der Kassenzettel
Die Idee, das Ausland zahle den „Löwenanteil“, ist rhetorisch beeindruckend. Nur hat der Löwe offenbar sein eigenes Portemonnaie mitgebracht.
Studien zeigen, dass ausländische Exporteure lediglich einen kleinen Teil übernehmen. Den Rest teilen sich Unternehmen und Verbraucher. Firmen drücken ihre Margen, Kunden drücken ihre Kreditkarten.
Eine Untersuchung der Tax Foundation beziffert die Mehrbelastung auf rund 1.000 Dollar pro Haushalt im vergangenen Jahr – mit steigender Tendenz.
Man könnte sagen: Jeder Haushalt bekommt eine kleine, unsignierte Dankeskarte vom Zoll.
Kapitel 5: Der Gerichtshof und das Drama
Der Oberste Gerichtshof prüft die Rechtmäßigkeit bestimmter Maßnahmen. Ein Urteil steht bevor. Die Spannung ist groß.
Sollte das Gericht einschreiten, wäre das – je nach Perspektive – eine Katastrophe oder eine Erlösung. Bis dahin bleibt das politische Theater in vollem Gange.
Kapitel 6: Zwischen Wahlkampf und Wirklichkeit
Umfragen zeigen, dass viele Bürger unzufrieden mit der Entwicklung der Preise sind. Inflation ist kein abstraktes Phänomen – sie ist der Moment an der Supermarktkasse, wenn man zweimal hinschaut.
Der Gedanke, Zölle seien eine Einnahmequelle ohne Nebenwirkungen, verliert an Charme, wenn die Nebenwirkungen direkt im Einkaufswagen liegen.
Finale: Die Moral vom Löwen
Zölle sind kein Zaubertrick. Sie sind eine Steuer auf Importe. Und Steuern werden in der Regel dort gespürt, wo sie erhoben werden.
Das Märchen vom Löwen, der andere zahlen lässt, klingt gut auf einer Bühne mit großen Scheinwerfern. In der Buchhaltung wirkt es weniger majestätisch.
Die Rechnung ist kein politisches Narrativ. Sie ist ein Dokument.
Und sie liegt offenbar häufiger auf amerikanischen Küchentischen als in ausländischen Fabrikhallen.