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Die Wahl als Ego-Booster: Wenn Demokratie Applaus liefern muss
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Es gibt Menschen, die schauen morgens in den Spiegel, nicken sich zu und gehen dann ihrem Tag nach. Und es gibt Menschen, die brauchen dafür landesweite Wahlgänge, Millionen Stimmzettel und ein paar Wahlmänner in festlicher Abendgarderobe. Donald Trump gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Für ihn ist eine Wahl kein demokratischer Prozess, sondern ein gigantischer Selbstbestätigungs-Parcours mit Feuerwerk, Fanfaren und sehr viel Ich.
Wahlsiege erfüllen dabei eine klare Funktion: Sie sagen ihm, dass er existiert. Dass er wichtig ist. Dass das Universum ihn weiterhin mag. Verliert er eine Wahl, ist das Universum hingegen offensichtlich defekt, manipuliert oder Teil einer sehr großen Verschwörung, an der wahlweise Wahlhelfer, Drucker, Kugelschreiber, Windrichtungen und demokratische Nachbarn beteiligt sind.
Trump erklärte kürzlich öffentlich, er brauche Wahlsiege für sein Ego. Das ist ungefähr so, als würde ein Feuerwehrmann verkünden, er lösche Brände hauptsächlich wegen der Hitze. Oder ein Chirurg zugeben, er operiere vor allem wegen der coolen Handschuhe. Es ist ehrlich. Erstaunlich ehrlich. Und gleichzeitig ein politischer Offenbarungseid in Goldschrift.
Denn während andere Präsidenten Wahlen gewinnen wollen, um Programme umzusetzen, will Trump sie gewinnen, um sich selbst anzusehen – möglichst in Großaufnahme, HD, mit patriotischem Hintergrund. Die Wahlurne wird dabei zum Schminkspiegel der Nation: Solange sie ihm sein Lieblingsbild zurückwirft, ist alles in Ordnung.
Kommt jedoch ein anderes Ergebnis heraus, ist das keine Niederlage. Das ist ein Druckfehler der Geschichte. Ein Missverständnis der Realität. Ein Angriff auf sein persönliches Wohlbefinden. Und natürlich: Betrug. Immer Betrug. Nie Pech. Nie Mehrheit. Nie demokratische Mathematik.
Der Mann, der 2020 offiziell gewann, Joe Biden, existiert in Trumps Erzählung ungefähr so wie ein Geist im Keller: Man redet ständig über ihn, aber eigentlich dürfte er gar nicht da sein. Dass Gerichte, Behörden und sogar republikanische Wahlhelfer das Ergebnis bestätigten, wird dabei als nebensächliches Detail behandelt. Fakten sind in diesem Weltbild eher Dekoration – hübsch, aber verzichtbar.
Spannend wird es bei der Frage, welche Wahl Trump eigentlich meinte, als er von seinem Ego sprach. Die verlorene? Die gewonnene? Alle gleichzeitig? Möglich ist alles. In seiner inneren Buchhaltung gelten offenbar sämtliche Wahlen als Sieg – außer denen, die er offiziell verloren hat. Diese zählen rückwirkend als „fast gewonnen, aber sabotiert“. Eine bemerkenswert effiziente Methode, die persönliche Erfolgsquote dauerhaft bei 100 Prozent zu halten.
Als dann im aktuellen Wahlzyklus Kamala Harris zur Kandidatin wurde, passte das wunderbar ins Narrativ. Nicht etwa als politische Gegnerin, sondern als weiterer Beweis, dass das System sich verschworen hat, um ihm das Rampenlicht zu streitig zu machen. In diesem Drama ist Trump der Hauptdarsteller, Regisseur, Drehbuchautor und einzige Person, deren Meinung zählt. Alle anderen sind Statisten – manche mit Wahlzetteln, manche mit Mikrofonen.
Die eigentliche Pointe liegt jedoch tiefer: Demokratie wird hier zur psychologischen Dienstleistung. Sie existiert, um ein Ego zu stabilisieren. Stimmen zählen weniger als das Gefühl, dass sie richtig gezählt wurden – nämlich zugunsten einer bestimmten Person. Wahlen sind dann erfolgreich, wenn sie ein gutes Bauchgefühl erzeugen. Und ungültig, wenn sie das Ego kneifen.
Man könnte fast meinen, das Wahlsystem sei eine Art riesiger Like-Button. Millionen Amerikaner klicken gleichzeitig – und wenn am Ende nicht genug Likes erscheinen, wird die Plattform beschuldigt, den Algorithmus manipuliert zu haben. Shadowbanning durch Wahlzettel. Cancel Culture mit Briefwahl.
Das Absurde daran: Diese Logik funktioniert erstaunlich gut. Ein Teil der Öffentlichkeit übernimmt sie bereitwillig. Niederlagen gelten nicht mehr als politisches Signal, sondern als Beleidigung. Demokratie wird zur persönlichen Angelegenheit. Und jede Wahl zum emotionalen Stresstest für einen Mann, der sich selbst für das Maß aller Dinge hält.
So entsteht ein politisches System, in dem Wahlergebnisse weniger über Mehrheiten aussagen als über den Gemütszustand eines Einzelnen. Jubel ist Zustimmung. Zweifel ist Verrat. Kritik ist Manipulation. Und Selbstkritik? Ein klarer Angriff von außen.
Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die unfreiwillig komisch und beunruhigend zugleich ist: Wahlsiege sind hier keine Grundlage von Legitimation, sondern Nahrung. Roh, reichhaltig, egoverträglich. Und wehe, der Nachschub bleibt aus.
Denn wenn Demokratie nur dann akzeptiert wird, wenn sie das richtige Ego streichelt, ist sie kein System mehr – sondern ein Spiegel. Und dieser Spiegel darf nur eines zeigen: Größe. Immer. Ohne Kratzer.