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Die SPD probiert etwas Neues: Selbstkritik direkt aus dem Instagram-Studio
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Politische Parteien reagieren auf Wahlniederlagen gewöhnlich nach einem vertrauten Ritual. Zuerst gibt es ernste Gesichter. Danach folgen Sätze wie „Wir werden das sorgfältig analysieren“. Anschließend wird eine Arbeitsgruppe gegründet, die das Ergebnis untersucht, bis sich alle Beteiligten wieder daran gewöhnt haben.
Die SPD hat nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg zunächst versucht, diese bewährte Methode anzuwenden. Internes Schweigen, kontrollierte Statements und möglichst wenig Aufregung – schließlich stand in Rheinland-Pfalz bereits die nächste Wahl vor der Tür.
Doch dann meldete sich jemand zu Wort, der offenbar beschlossen hatte, die traditionelle SPD-Disziplin einmal kreativ zu interpretieren.
Der Name: Robin Mesarosch. Das Medium: Instagram. Die Stimmung: ungefähr so entspannt wie eine Steuerprüfung im Lieblingsrestaurant.
Der Mann mit der Kamera und der schlechten Laune
Der 34-jährige Sozialdemokrat setzte sich vor seine Kamera und erklärte seinen rund 119.000 Followern, was er vom Wahlergebnis seiner Partei hält.
Das Ergebnis dieser Analyse ließ sich ungefähr so zusammenfassen: Die Lage ist schlecht. Sehr schlecht. Historisch schlecht.
Schon der Einstieg des Videos ließ erahnen, dass hier keine diplomatische Pressemitteilung folgen würde. Statt vorsichtiger Formulierungen begann Mesarosch mit einer Art politischem Reality-Check.
Er erklärte, das Ergebnis sei so katastrophal, dass ihm dafür eigentlich die Worte fehlten.
Was bemerkenswert war – denn danach sprach er mehrere Minuten lang.
Das Kroatien-Experiment
Besonders eindrucksvoll wurde seine Analyse, als er die Wahlergebnisse geografisch erklärte.
Im südlichen Teil Baden-Württembergs lebten rund 4,2 Millionen Menschen, erläuterte er. Das entspreche ungefähr der Bevölkerung Kroatiens.
Und dieses „Kroatien“ werde künftig von zwei SPD-Abgeordneten im Landtag vertreten.
Zwei.
Man könnte sagen: Wenn politische Repräsentation ein Fußballspiel wäre, würde die SPD in dieser Region mit zwei Spielern gegen eine komplette Mannschaft antreten.
Der Trainer würde vermutlich nach fünf Minuten fragen, ob jemand die Regeln missverstanden hat.
Wahlkampf mit Urlaubsgarantie
Der Politiker erinnerte außerdem daran, wie viel Energie viele Parteimitglieder in den Wahlkampf gesteckt hätten.
Menschen hätten ihren Urlaub geopfert, Veranstaltungen organisiert und unzählige Gespräche geführt.
Das Ergebnis, so seine Diagnose, habe sich allerdings ungefähr so angefühlt, als hätte man Stimmen gesammelt, die normalerweise für Spaßparteien reserviert sind.
Ein Satz, der in Parteibüros ungefähr die gleiche Wirkung entfaltet wie ein lauter Knall im Kopierraum.
Die Ursachenanalyse
Mesarosch beschränkte sich nicht auf die Beschreibung des Desasters. Er versuchte auch zu erklären, wie es dazu kommen konnte.
Seine Diagnose bestand aus drei Hauptpunkten:
Kommunikation – schlecht. Organisation – ebenfalls schlecht. Inhalte – teilweise okay, aber insgesamt ausbaufähig.
Man könnte sagen, es war eine Analyse, bei der kaum jemand im Raum aufatmen konnte.
Die strategische Leerstelle
Besonders deutlich wurde er bei der Frage nach der Strategie.
Nach seiner Einschätzung existiere sie schlicht nicht.
Keine Strategie. Gar keine.
Eine erstaunliche Aussage für eine Partei, die seit mehr als einem Jahrhundert politische Programme entwickelt, Wahlkämpfe organisiert und unzählige Strategiepapiere produziert hat.
Doch offenbar sind Papier und Realität manchmal zwei unterschiedliche Welten.
Der Existenzmodus
Der SPD-Politiker ging sogar noch weiter.
Seiner Ansicht nach gehe es inzwischen nicht mehr nur darum, Wähler zu verlieren oder zu gewinnen.
Es gehe um die Frage, ob die Partei überhaupt noch eine ernsthafte politische Rolle spielen könne.
Das ist ungefähr der Moment, in dem politische Diskussionen plötzlich nicht mehr nach Strategiepapier, sondern nach Notfallmeeting klingen.
Personalpolitik mit Überraschungseffekt
Ein weiterer Punkt seiner Kritik richtete sich gegen Entscheidungen innerhalb der Parteiführung.
Ein Verantwortlicher für den Wahlkampf hatte nach der Niederlage seinen Rücktritt erklärt – ein klassischer politischer Reflex.
Doch kurz darauf übernahm derselbe Politiker eine andere wichtige Position.
Für Mesarosch offenbar ein Moment, der ungefähr so wirkte wie ein Rücktritt, bei dem man einfach nur den Bürostuhl ein Zimmer weiter schiebt.
Die große Instagram-Innovation
Besonders bemerkenswert war der Ort dieser Debatte.
Früher wurden solche Diskussionen auf Parteitagen geführt, in Sitzungsräumen oder bei besonders langen Telefonkonferenzen.
Heute reicht ein Smartphone.
Mit ein paar Klicks wurde aus einer internen Analyse ein öffentliches Ereignis.
Die politische Kommunikation hat sich damit endgültig in die Welt der sozialen Medien verlagert.
Die neue Parteikultur
Die SPD steht damit vor einem interessanten Dilemma.
Einerseits möchte man interne Streitigkeiten möglichst geschlossen behandeln.
Andererseits lebt man in einer Zeit, in der jedes Parteimitglied theoretisch eine eigene kleine Fernsehsendung auf dem Handy starten kann.
Das Ergebnis sind Momente, in denen politische Kritik plötzlich schneller verbreitet wird als ein Wahlplakat geklebt werden kann.
Die Tragödie der Möglichkeiten
Trotz der scharfen Kritik klang in Mesaroschs Worten auch eine gewisse Frustration über verpasste Chancen.
Seiner Meinung nach könnte die Partei eigentlich viel erreichen.
Wenn sie ihre Möglichkeiten besser nutzen würde.
Der zentrale Gedanke seiner Kritik lautete also nicht: „Die SPD kann es nicht.“
Sondern: „Die SPD macht es falsch.“
Die wichtigste Erkenntnis
Die Episode zeigt vor allem, wie sehr sich politische Kommunikation verändert hat.
Früher konnten Parteien hoffen, interne Kritik hinter verschlossenen Türen zu diskutieren.
Heute genügt ein Instagram-Video, um eine Parteidebatte vor zehntausenden Zuschauern auszutragen.
Und manchmal wirkt diese Debatte erstaunlich ehrlich.
Auch wenn sie für die Parteiführung ungefähr so angenehm ist wie ein offenes Mikrofon während einer Krisensitzung.