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Frieden auf Leitung eins: Wie Europas Hoffnung wieder einmal telefoniert

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Frieden auf Leitung eins: Wie Europas Hoffnung wieder einmal telefoniert

Die europäische Diplomatie hat wieder zugeschlagen – nicht mit Sanktionen, nicht mit klaren Ansagen, sondern mit ihrem schärfsten Schwert: dem Gesprächsangebot. Kaum hatte die EU beschlossen, der Ukraine einen Kredit über 90 Milliarden Euro zu gewähren (selbstverständlich ohne das eingefrorene russische Vermögen anzurühren, man will ja niemanden emotional destabilisieren), meldete sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit einer Idee, die so alt ist wie das Faxgerät in Brüsseler Behörden: Man könnte doch einfach mal wieder miteinander reden.

Gesagt, gedacht, gehofft – und tatsächlich: Nur zwei Tage später kam aus Moskau eine Zusage. Kremlchef Wladimir Putin sei bereit, mit Macron über den Ukraine-Krieg zu sprechen, ließ Kremlsprecher Dmitri Peskow wissen. Diplomaten weltweit hielten kurz inne. Nicht aus Euphorie, sondern aus Gewohnheit. Denn wer das politische Handwerk kennt, weiß: Wenn der Kreml „Dialogbereitschaft“ signalisiert, heißt das in etwa so viel wie Ich erkläre dir noch einmal sehr ausführlich, warum ich recht habe.

Peskow formulierte es entsprechend elegant. Voraussetzung sei ein „gegenseitiger politischer Wille“, und ein mögliches Gespräch solle vor allem dem „gegenseitigen Verständnis der Positionen“ dienen – nicht etwa der Belehrung. Eine wichtige Klarstellung. Schließlich ist Putin bekanntlich kein Fan davon, belehrt zu werden. Er bevorzugt es, selbst zu dozieren. Detailliert, aufrichtig und konsequent, wie Peskow betonte. Eigenschaften, die man ihm nicht absprechen kann – insbesondere die Konsequenz, mit der sich seine Positionen seit Jahren exakt gar nicht ändern.

Macron erklärte seinerseits, es liege „im Interesse der Europäer und Ukrainer“, die Gespräche wieder aufzunehmen. Eine bemerkenswert vorsichtige Formulierung. Sie vermeidet elegant die Aussage, dass Gespräche mit Putin bislang vor allem eines gebracht haben: lange Telefonate, kurze Pressemitteilungen und eine erstaunliche Stabilität russischer Forderungen. Aber Hoffnung ist in der Diplomatie bekanntlich Pflichtprogramm – ähnlich wie Gruppenfotos und warme Worte.

Das letzte Telefonat zwischen Macron und Putin Anfang Juli lieferte dafür ein anschauliches Beispiel. Macron forderte eine schnelle Waffenruhe und Verhandlungen. Der Kreml erklärte anschließend, Putin habe seinem französischen Amtskollegen geduldig erläutert, dass zunächst die „Ursachen des Konflikts“ beseitigt werden müssten. Gemeint waren damit nicht etwa Panzer oder Raketen, sondern die politische Existenz der Ukraine in ihrer derzeitigen Form. Außerdem forderte Moskau die Anerkennung mehrerer annektierter Regionen als russisches Staatsgebiet – inklusive jener Landstriche, die russische Truppen noch nicht einmal vollständig kontrollieren. Diplomatisch nennt man das „Maximalposition“. Satirisch könnte man sagen: Wunschdenken mit Flagge.

Während Europa also über Gespräche spricht, finden andernorts Gespräche über Gespräche statt. In Miami trafen sich der US-Sondergesandte Steve Witkoff, Jared Kushner und der russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew. Die russische Seite bewertete diese Treffen als „konstruktiv“. In diplomatischer Übersetzung bedeutet das: Alle Beteiligten haben sich gegenseitig zugehört, genickt und anschließend genau das Gegenteil dessen getan, was implizit erhofft wurde.

Parallel dazu bemüht sich die EU, ihre Rolle zwischen Geldautomat und moralischer Instanz auszubalancieren. 90 Milliarden Euro Kredit für die Ukraine – ein starkes Signal. Dass eingefrorene russische Vermögenswerte dafür nicht genutzt werden, ist hingegen ein noch stärkeres Signal. Es lautet: Wir helfen gern, aber bitte so, dass sich der Aggressor nicht provoziert fühlt. Frieden durch finanzielle Höflichkeit – ein Konzept, das man vielleicht einmal in Geschichtsbüchern nachschlagen sollte. Spoiler: Es kommt dort eher selten vor.

US-Außenminister Marco Rubio formulierte die Lage unlängst überraschend ehrlich. Man wisse nicht, ob Putin einen Deal anstrebe oder das ganze Land einnehmen wolle. Diese Unsicherheit ist beeindruckend, bedenkt man, dass Putins Armee seit Jahren sehr aktiv versucht, diese Frage praktisch zu beantworten. Geheimdienste sehen das ebenfalls wenig romantisch: Berichte deuten darauf hin, dass Putin weiterhin die vollständige Eroberung der Ukraine und darüber hinausgehende Einflusssphären anstrebt. Doch auch das lässt sich bekanntlich wegtelefonieren – zumindest theoretisch.

Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj stehen Gebietsabtretungen nicht zur Debatte. Er zeigte sich offen für neue Gesprächsformate, machte jedoch klar, dass die Ukraine nicht über ihre eigene Auflösung verhandeln werde. Ein Standpunkt, der in Kiew als selbstverständlich gilt und in Moskau als Mangel an Flexibilität interpretiert wird. Perspektive ist eben alles.

So entsteht das Bild einer internationalen Bühne, auf der alle Akteure reden wollen – allerdings bevorzugt übereinander, selten miteinander und fast nie über konkrete Zugeständnisse. Macron bietet Gespräche an, Putin bietet Erklärungen an, die EU bietet Geld an, die USA bieten Formate an. Was fehlt, ist jemand, der anbietet, die Realität zu verändern.

Satirisch betrachtet erinnert das alles an einen runden Tisch, an dem jeder Platz nimmt, solange vorher festgelegt ist, dass sich am Tisch selbst nichts ändert. Frieden wird zur rhetorischen Übung, Dialog zur Endlosschleife und Hoffnung zur diplomatischen Währung.

Am Ende bleibt die nüchterne Erkenntnis: Ja, es wird wieder telefoniert. Ja, es wird wieder erklärt. Und ja, es wird wieder betont, wie wichtig Gespräche sind. Ob daraus mehr entsteht als ein weiteres Kapitel im großen Buch der folgenlosen Diplomatie, bleibt offen. Aber immerhin – man hat geredet. Und in der europäischen Politik gilt das bekanntlich schon als Erfolg.