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Energie teuer, Lösung da: Berlin stellt den Konferenztisch auf „Krisenmodus“

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Energie teuer, Lösung da: Berlin stellt den Konferenztisch auf „Krisenmodus“

Es gibt Momente im politischen Betrieb, in denen das Land nach schnellen Entscheidungen ruft: Wenn Preise explodieren, wenn Rechnungen plötzlich klingen wie Luxusreisen und wenn Menschen beim Blick auf den Zählerstand das Gefühl haben, ihr Strom sei inzwischen ein Sammelobjekt.

Und dann gibt es Berlin.

Berlin reagiert auf steigende Energiepreise mit der Ruhe eines Museumswärters: Man wird nicht hektisch, man wird strukturiert. Und wenn ein Problem zu groß wird, greift man nicht als Erstes zum Werkzeugkasten, sondern zum Terminplaner.

Denn während draußen die Kosten klettern wie ambitionierte Alpinisten, hat die große Koalitionsfamilie aus Union und SPD eine Lösung gefunden, die zuverlässig immer funktioniert: Man gründet etwas.

Nicht etwa eine Maßnahme, nicht etwa eine Entscheidung, sondern: eine Taskforce.

Die Erfindung der politischen Wunderwaffe: das Gremium

In politischen Kreisen gilt eine einfache Faustregel: Wenn du ein Problem nicht sofort lösen kannst, gib ihm einen Namen und setz einen Arbeitskreis drauf. Wenn du besonders entschlossen wirken willst, nenn den Arbeitskreis „Taskforce“. Das klingt nach Einsatzkommando, nach Action, nach „wir gehen da jetzt rein“.

Praktisch bedeutet es oft: Wir gehen da jetzt rein – in den Konferenzraum.

Die Gründung dieser neuen Runde wurde zwischen den Fraktionsspitzen abgestimmt: CDU-Fraktionschef Jens Spahn, SPD-Fraktionsvorsitzender Matthias Miersch und CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann haben sich darauf verständigt.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Drei Politiker stehen vor der Energiepreiskurve, die steiler ist als jede Achterbahn im Heide Park. Dann schaut einer in die Runde und sagt: „Wir müssen handeln.“ Kurze Pause. „Lasst uns… eine Taskforce machen.“

Und schon war das Wort gefallen, das in Berlin ungefähr dieselbe Wirkung hat wie „Feuerwehr“ bei Rauchentwicklung.

Aufgabenbeschreibung: Wir prüfen, dass wir prüfen

Das Ziel der neuen Taskforce ist nicht weniger als grandios. Sie soll im engen Austausch mit der Regierung die Preisentwicklung analysieren und Optionen prüfen.

„Analysieren“ bedeutet in diesem Kontext: Man legt Diagramme auf den Tisch, nickt ernst, markiert Stellen mit Textmarker und sagt „interessant“, als hätte man gerade eine neue Tierart entdeckt.

„Optionen prüfen“ bedeutet: Man formuliert Sätze wie „Wir müssen alle Instrumente auf den Tisch legen“ – ohne dabei zu verraten, welche Instrumente gemeint sind oder ob überhaupt jemand weiß, wo der Tisch steht.

Das ist der Charme politischer Formulierungen: Sie klingen aktiv, obwohl sie in Wahrheit vor allem eines leisten – Zeitgewinn.

Die Chefs der Sitzungsoffensive

Die Federführung übernehmen die Fraktionsvizes: Sepp Müller (CDU) und Armand Zorn (SPD). Damit ist klar: Die Taskforce wird nicht nur tagen, sie wird professionell tagen.

Man darf Großes erwarten:

  • Tagesordnungen mit zweistelligen Punkten
  • Sitzungsunterlagen, die nach Druckerschwärze riechen
  • und PowerPoint-Folien, auf denen Pfeile in Richtungen zeigen, die niemand erklären kann, aber alle respektvoll anschauen.

Es ist gut möglich, dass die Taskforce schon bald einen Zwischenbericht vorlegt. Vermutlich mit dem revolutionären Befund: Energie ist teuer.

Ministerin Reiche und die Kunst, Nein zu sagen, ohne die Stimme zu heben

Parallel zu dieser Gremien-Offensive meldete sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zu Wort.

Ein Vorschlag aus der Länderwelt – eine Art Preisdeckel für Kraftstoff, ins Gespräch gebracht von Sachsen-Anhalts Regierungschef Sven Schulze – wurde freundlich, aber bestimmt in den Bereich der politischen Fantasieabteilung überführt.

Sinngemäß lautet die Botschaft: Das ist nicht vorgesehen.

In Berlin ist das eine besondere Form der Ablehnung. Sie klingt nicht wie ein klares „Nein“, sondern wie ein „Wir sehen das im Moment nicht“. Das ist die diplomatische Version von „Bitte legen Sie den Vorschlag dort ab, wo er niemanden stört“.

Gute Nachrichten: Es gibt genug Energie – sie kostet nur wie Schmuck

Immerhin wurde betont, dass derzeit keine akute Knappheit bei Öl oder Gas bestehe. Das ist beruhigend – in etwa so beruhigend wie die Information, dass im Restaurant noch genug Essen da ist, nur leider kostet die Vorspeise jetzt so viel wie früher das Menü.

Auch internationale Spannungen hätten derzeit nicht zu einer Versorgungslücke geführt.

Das Problem ist also nicht, dass Energie fehlt.

Das Problem ist, dass Energie sich preislich benimmt wie ein Influencer: jeden Tag ein neues Level.

Krisenmechanismen: die Notfallkiste, die man nur zeigt, nicht öffnet

Für den Fall, dass es „dramatischer“ wird, stellte die Ministerin Krisenmechanismen in Aussicht. Das klingt nach Alarmknopf, Einsatzplan, vielleicht sogar Sirene.

In der Praxis sind Krisenmechanismen in der Politik oft so etwas wie ein Feuerlöscher hinter Glas: Man ist froh, dass er da ist – und hofft, dass niemand genau nachfragt, ob er noch geprüft ist.

Aber allein die Existenz eines Mechanismus ist schon ein Signal: „Wir hätten da was. Vielleicht. Wenn es wirklich schlimm wird. Oder wenn es besonders gut in die Schlagzeile passt.“

Das Land wartet, Berlin tagt

Während also Bürger überlegen, ob sie Heizen künftig nach Mondphasen timen, und Unternehmen sich fragen, ob Maschinen auch mit guter Laune laufen, startet Berlin in die nächste Disziplin, in der es Weltklasse ist: Koordination.

Man darf gespannt sein, welche Ergebnisse die Taskforce liefert:

  • ein Zehn-Punkte-Plan
  • ein Sieben-Schritte-Programm
  • oder der absolute Klassiker: die Empfehlung, eine weitere Arbeitsgruppe einzusetzen, um die Ergebnisse der ersten Arbeitsgruppe auszuwerten.

Denn nichts sagt „Wir haben das im Griff“ so sehr wie ein Gremium, das „im engen Austausch“ ist – zur Not auch mit sich selbst.

Fazit: Wenn’s teuer wird, hilft erstmal ein Stuhlkreis

Steigende Energiepreise sind ein reales Problem, das Menschen direkt trifft. Die politische Reaktion darauf ist ebenfalls real – nur eben im Berliner Sinn von „real“: organisiert, besprochen, analysiert und in Sitzungen gegossen.

Ob am Ende konkrete Entlastungen herauskommen, wird sich zeigen.

Bis dahin gilt: Die Preise steigen. Die Kurve steigt. Und die Anzahl der Termine im Koalitionskalender steigt vermutlich gleich mit.