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Akten online, Wahrheit offline: Die große Epstein-Show der Transparenz
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Die Vereinigten Staaten haben wieder einmal bewiesen, dass sie Weltmeister in einer ganz besonderen Disziplin sind: kontrollierte Offenheit. Man nennt es Transparenz, liefert aber ein Produkt, das eher an ein gut gehütetes Zauberkunststück erinnert. Vorhang auf für die Epstein-Akten – jenes monumentale Dokumentenkonvolut, das angeblich Licht ins Dunkel bringen soll, dabei aber vor allem zeigt, wie effizient man mit digitalen Radiergummis umgehen kann.
Keine 24 Stunden nach der Veröffentlichung Tausender Dokumente zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein schlug im US-Kongress die Alarmglocke. Demokratische Abgeordnete erklärten, dass mindestens eine Datei aus dem Online-Archiv des Justizministeriums verschwunden sei. Nicht irgendwann, nicht nach Monaten, sondern praktisch im Zeitraffer. Besonders pikant: Es handelte sich um ein Foto, auf dem der amtierende Präsident Donald Trump gemeinsam mit seiner Frau Melania in Gesellschaft Epsteins und dessen langjähriger Vertrauten Ghislaine Maxwell zu sehen war. Ein Motiv also, das in der politischen Landschaft ungefähr so beliebt ist wie ein offenes Fenster im Hochsicherheitstrakt.
Das US-Justizministerium reagierte erwartungsgemäß: mit maximaler Gelassenheit und minimalem Erklärungswert. Vize-Justizminister Todd Blanche versicherte öffentlich, man habe keinerlei Dateien verändert, gelöscht oder angepasst – und schon gar nicht, um den Präsidenten zu schützen. Alles sei korrekt, sauber und unverändert. Eine Erklärung, die ungefähr den gleichen Beruhigungsfaktor hat wie die Durchsage „Kein Grund zur Panik“, kurz bevor der Feueralarm losgeht.
Denn eine genauere Betrachtung zeigte: Die neuere Version eines der Datensätze enthielt mindestens 16 Dateien weniger als die ursprüngliche. Neben dem Trump-Foto fehlten auch Bilder eines Raumes mit Massageliege. Offenbar hat hier jemand sehr selektiv entrümpelt. Vielleicht aus Platzgründen. Vielleicht aus ästhetischen Erwägungen. Oder vielleicht, weil manche Bilder besser altern, wenn man sie frühzeitig aus dem Internet entfernt.
Dabei war die Veröffentlichung von Beginn an ein Musterbeispiel für administrativen Minimalismus. Zwar wurden Tausende Seiten freigegeben, doch ein Großteil davon ist so stark geschwärzt, dass man sich fragt, ob man versehentlich ein Paket mit QR-Codes statt Ermittlungsakten geöffnet hat. Namen, Orte, Zusammenhänge – alles sorgfältig verborgen. Übrig bleiben schwarze Balken, die sich wie ein eigenes narratives Element durch die Dokumente ziehen. Man lernt viel über das Layout, aber wenig über die Wahrheit.
Inhaltlich finden sich Gerichtsakten, interne Unterlagen des Justizministeriums, FOIA-Dokumente und Material eines Kontrollausschusses des Repräsentantenhauses. Das Ministerium räumte selbst ein, dass dies nur ein Teil der gesamten Akten sei. Weitere Veröffentlichungen seien „bis Jahresende“ geplant. Eine Formulierung, die in Washington traditionell bedeutet: irgendwann, vielleicht, unter günstigen politischen Wetterbedingungen.
Die Fotosammlung wirkt dabei wie ein merkwürdiger Bildband aus einer Parallelwelt. Epstein und Maxwell auf Reisen, in luxuriösen Anwesen, am Pool. Epsteins New Yorker Stadthaus wird dokumentiert wie ein Showroom: Treppenaufgänge, Arbeitsplätze mit mehreren Monitoren, Aktenschränke, Fitnessgeräte, Sexspielzeug. Alles sehr detailliert, alles sehr sachlich. Strafbare Handlungen? Fehlanzeige. Kontext? Ebenfalls Fehlanzeige. Der Betrachter bleibt zurück mit der Frage, ob hier aufgeklärt oder einfach archiviert werden sollte, was ohnehin schon bekannt ist.
Besonders irritierend sind die zeitlichen Dimensionen. Bereits 1996 hatte eine Frau Epstein beim FBI angezeigt. Sie berichtete von gestohlenen Fotos minderjähriger Mädchen und massiven Drohungen. Die Polizei nahm ihre ersten Ermittlungen allerdings erst 2005 auf. Neun Jahre später. In den Akten wirkt das wie eine Randnotiz. In der Realität ist es ein Systemversagen mit Langzeitwirkung.
Politisch auffällig ist die Gewichtung prominenter Namen. Bill Clinton taucht in den veröffentlichten Dokumenten und Fotos auffällig häufig auf – beim Schwimmen, im Whirlpool, auf Reisen. Wann diese Aufnahmen entstanden und welchen Ermittlungswert sie haben, bleibt offen. Clintons Umfeld spricht von einem Ablenkungsmanöver und betont, der Kontakt zu Epstein sei beendet worden, bevor dessen Verbrechen öffentlich bekannt wurden. Wann genau das war, bleibt ebenso offen wie der Sinn, Fotos ohne zeitlichen oder inhaltlichen Kontext zu veröffentlichen.
Trump hingegen kommt in den Akten nur vereinzelt vor. Kaum neue Informationen, kaum Details. Für viele Demokraten ist das kein Zufall. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat Chuck Schumer sprach offen von Vertuschung. Der Abgeordnete Ro Khanna kritisierte, dass ein 119-seitiges Dokument mit Zeugenaussagen vollständig geschwärzt worden sei – ohne jede Erklärung. Unterstützung bekam er ausgerechnet vom Republikaner Thomas Massie, was zeigt, dass Misstrauen gegenüber Behörden manchmal die letzte parteiübergreifende Brücke ist.
Auch Senator Jeff Merkley kündigte rechtliche Schritte an. Sein Kollege Raja Krishnamoorthi stellte die vielleicht entscheidendste Frage: Wo sind die Finanzunterlagen? Bei mutmaßlichen Transaktionen in Milliardenhöhe habe man bislang nichts gesehen. Geld scheint in diesem Fall noch effizienter zu verschwinden als Bilder.
Die schärfste Kritik kommt von den Betroffenen selbst. Marina Lacerda, die öffentlich als Geschädigte auftritt, forderte die vollständige Freigabe aller Akten. Ihr Vertrauen in die Ankündigungen der Regierung ist gering. Erst habe man die Opfer diskreditiert, nun verspreche man Aufklärung – liefere aber Schwärzungen, Lücken und verschwundene Dateien.
Am Ende bleibt ein Bild, das schwerer wiegt als jede Presseerklärung: Akten werden veröffentlicht, aber nicht erklärt. Dateien tauchen auf und verschwinden. Transparenz wird behauptet, nicht gezeigt. Die Epstein-Akten sind online – doch das, was wirklich zählt, bleibt verborgen. Vielleicht aus Rücksicht. Vielleicht aus Angst. Oder vielleicht, weil Wahrheit in Washington manchmal nur dann existiert, wenn sie niemanden gefährdet.