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Kurz verschwunden, gründlich geprüft, wieder da: Washingtons bewegliche Transparenz im Epstein-Komplex
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Die Vereinigten Staaten pflegen ein besonders bewegliches Verständnis von Transparenz. Sie ist kein Zustand, sondern ein Vorgang. Etwas wird veröffentlicht, verschwindet kurz, wird überprüft, neu eingeordnet und taucht anschließend wieder auf – sauber, geprüft und mit dem beruhigenden Hinweis versehen, alles sei ordnungsgemäß gelaufen. Genau dieses bewährte Verfahren erlebte die Öffentlichkeit nun erneut im endlosen Komplex um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Das US Department of Justice hatte Tausende Fotos, Videos und Texte aus den Ermittlungen veröffentlicht. Ein Akt, der offiziell als historischer Schritt zu mehr Offenheit verkauft wurde, praktisch aber eher an eine Schnitzeljagd erinnerte: Man darf schauen, aber nicht alles finden – und manches bitte nur kurz.
Keine 24 Stunden nach der Veröffentlichung fehlten plötzlich mehrere Dateien. Kommentarlos. Geräuschlos. Darunter ein besonders auffälliges Foto: eine Aufnahme von mehreren ausgedruckten Bildern, die auf einem Möbelstück und in einer Schublade liegen. Ein Archivfoto über ein Archivfoto, gewissermaßen Transparenz in dritter Generation. Auf mindestens einem dieser Bilder ist Donald Trump zu sehen. Nicht zentral, nicht heroisch, einfach anwesend. Genau das reichte aus, um das Bild auf eine spontane Auszeit zu schicken.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer, meldete sich empört zu Wort. Wenn ein einzelnes Foto entfernt werde, müsse man sich fragen, was sonst noch alles verschwinde. Er sprach von einer möglichen der größten Vertuschungen der US-Geschichte – eine Disziplin, in der die Vereinigten Staaten über jahrzehntelange Erfahrung verfügen und regelmäßig neue Maßstäbe setzen.
US-Medien berichteten wenig später, dass nicht nur dieses eine Foto entfernt worden war. Mehr als ein Dutzend weiterer Bilder verschwanden ebenfalls aus dem veröffentlichten Aktenfundus. Transparenz hatte also nicht nur kurz geblinzelt, sondern offenbar entschieden, sich neu zu sortieren. Warum genau, blieb zunächst offen.
Am Sonntag folgte die Rückkehr. Das Justizministerium erklärte, das betreffende Foto werde nun wieder öffentlich zugänglich gemacht – „ohne jegliche Änderung oder Schwärzung“. Eine interne Überprüfung habe keine Hinweise darauf ergeben, dass Opfer Epsteins auf dem Bild zu sehen seien. Das Foto sei damit unbedenklich. Dass diese Erkenntnis erst nach der Entfernung gewonnen wurde, gilt nicht als Widerspruch, sondern als Beweis für gründliche Arbeit. Erst weg, dann sicher.
Vize-Justizminister Todd Blanche, ein ehemaliger Anwalt Trumps, erklärte im Interview mit NBC, es habe zunächst „Bedenken“ wegen möglicherweise abgebildeter Frauen gegeben. Der Vorwurf, das Foto sei wegen Trumps Anwesenheit entfernt worden, sei „lachhaft“. In Washington ist „lachhaft“ die höflichste Form von „Bitte stellen Sie diese Frage nie wieder“.
Parallel dazu versicherte Blanche im konservativen Haussender Fox News, in den kommenden Wochen würden Hunderttausende weitere Akten veröffentlicht. Der vom Kongress gesetzte Termin zur nahezu vollständigen Freigabe sei nur deshalb nicht eingehalten worden, weil der Schutz der Opfer höchste Priorität habe. Schutz ist in diesem Kontext ein sehr dehnbarer Begriff – er funktioniert zuverlässig sowohl für Betroffene als auch für Institutionen.
Ein Blick auf die bereits veröffentlichten Inhalte offenbart interessante Gewichtungen. Zahlreiche Fotos des früheren Präsidenten Bill Clinton blieben online: Clinton im Whirlpool, Clinton beim Schwimmen, Clinton in entspannter Nähe zu einer dunkelhaarigen Frau, möglicherweise Ghislaine Maxwell. Diese Bilder galten offenbar als transparent genug. Das Trump-Foto hingegen benötigte eine Sonderbehandlung. Objektivität äußert sich manchmal in sehr feinen Unterschieden.
Trump selbst bestreitet bis heute engere Beziehungen zu Epstein und bezeichnet die Affäre seit Monaten als „Schwindel“. Dass bislang kein persönliches Fehlverhalten des Präsidenten nachgewiesen wurde, gilt für seine Anhänger als endgültiger Beweis. Kritiker wiederum verweisen darauf, dass Fotos, Dokumente und Aussagen zumindest auf eine soziale Nähe schließen lassen. Nähe ist dabei ein Begriff mit erstaunlicher Spannweite – irgendwo zwischen zufälliger Begegnung und regelmäßigem Wiedersehen.
Der Tod Epsteins im Jahr 2019, offiziell als Suizid eingestuft, bleibt der dunkle Kern der Affäre. Ein Mann mit Kontakten bis in höchste politische und wirtschaftliche Kreise stirbt in einer Gefängniszelle, während Kameras ausfallen und Akten später häppchenweise veröffentlicht werden. Dass in diesem Kontext Fotos verschwinden, wieder auftauchen und neu bewertet werden, wirkt weniger überraschend als folgerichtig.
Am Ende bleibt ein vertrautes Muster: Transparenz wird demonstriert, indem man zeigt, dass man etwas veröffentlichen kann – nicht unbedingt, dass man es vollständig, dauerhaft oder widerspruchsfrei tut. Das Trump-Foto ist nun wieder da. Die Vorwürfe der Vertuschung ebenfalls. Und die Erkenntnis, dass Wahrheit in Washington selten gelöscht wird. Sie wird bewegt, geprüft, verwaltet – und gelegentlich kurz aus dem Blickfeld genommen.