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Doge oder: Wie man mit einer Kettensäge Billionen verspricht und Milliarden verbrennt

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Doge oder: Wie man mit einer Kettensäge Billionen verspricht und Milliarden verbrennt

Die Mission war klar, die Ankündigungen gewaltig, der Tonfall unmissverständlich: Die US-Regierung sollte endlich so effizient werden wie ein Start-up kurz vor dem Börsengang. Dafür trat Elon Musk an, bewaffnet mit Zahlen, Symbolen und einer Kettensäge. Was folgte, war kein Verwaltungswunder, sondern ein politisches Schauspiel, das bewies, dass Effizienz nicht automatisch entsteht, wenn man laut genug davon spricht.

Das „Department of Government Efficiency“, kurz Doge, wurde von Donald Trump per Dekret aus der Taufe gehoben – am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit. Der Zeitpunkt war Programm: Jetzt sollte aufgeräumt werden. Musk, der zuvor Hunderte Millionen Dollar in Trumps Wahlkampf investiert hatte, bekam die Bühne, den Titel und sogar das Akronym seiner Wahl. Doge, benannt nach einer Kryptowährung, die als Internetwitz begann und nun als staatliche Leitidee herhalten musste. Eine Parodie als Verwaltungsprinzip – subtil war das nie, konsequent schon.

Im Herbst zuvor hatte Musk vor begeisterten Anhängern versprochen, zwei Billionen Dollar einzusparen. Zwei Billionen. Eine Zahl, die man normalerweise nur in Zusammenhang mit Kriegen, Finanzkrisen oder besonders mutigen Diagrammen sieht. Dass der gesamte US-Haushalt rund 6,7 Billionen Dollar umfasst und große Teile davon fest verplant sind, störte den Moment nicht. Euphorie hat ihre eigene Mathematik. Nach der Amtseinführung wurde das Ziel halbiert. Eine Billion Dollar klang plötzlich vernünftig. Fast schon konservativ.

Die Kettensäge kam ins Spiel, inspiriert vom argentinischen Präsidenten Javier Milei. Sie wurde zum Symbol eines neuen Verwaltungsstils: Bürokratie sollte nicht reformiert, sondern gefällt werden. Feinjustierung war etwas für Skeptiker. Doge begann mit Entlassungen. Zehntausende Staatsbedienstete verloren ihre Jobs. Ranger in Nationalparks, Krebsforscher, Mitarbeiter in der psychologischen Betreuung von Veteranen. Sogar Beschäftigte der National Nuclear Security Administration wurden kurzzeitig entlassen – ein Schritt, der rasch korrigiert werden musste, nachdem jemand bemerkte, dass Atomwaffenüberwachung vielleicht kein idealer Ort für Experimente ist.

Gerichte griffen ein, Behörden stellten Mitarbeiter wieder ein, Abfindungen wurden gezahlt. Entlassung, Wiedereinstellung, Entlassung – ein Rhythmus, der Bewegung erzeugte, aber wenig Produktivität. Die Financial Times stellte nüchtern fest, dass die Doge-Mitarbeiter oft nicht zu wissen schienen, was die von ihnen ins Visier genommenen Behörden eigentlich taten. Das Vorgehen wirkte wie ein Software-Update ohne Changelog: Erst installieren, dann feststellen, dass nichts mehr funktioniert.

Auch der Luftverkehr blieb nicht verschont. Berichte über Kürzungen bei der Federal Aviation Administration sorgten für Unruhe, besonders nach einem tödlichen Flugzeugabsturz nahe Washington. Sicherheit traf hier auf Effizienz, und beide sahen danach angeschlagen aus. Die Regierung beruhigte, prüfte, relativierte – ein Dreiklang, der in Washington als Problemlösungsstrategie gilt.

Die Frage, wie viel Doge tatsächlich eingespart hat, blieb offen. Laut eigener Website waren es bis Anfang Oktober 214 Milliarden Dollar. Pro Steuerzahler angeblich 1329 Dollar. Eine beeindruckende Zahl, wenn man nicht nachfragt. Medien wie die New York Times taten genau das. Gekündigte Verträge seien überbewertet, Einsparungen mehrfach gezählt, Folgekosten ignoriert worden. Manche Angaben stellten sich später als schlicht falsch heraus. Der Ökonom Jonathan Gruber sprach von „völlig unzuverlässigen“ Zahlen. Vertrauen ist gut, Haushaltsrechnung besser.

Im Mai verließ Musk Doge vorzeitig. Anlass war ein Streit mit Trump über das sogenannte „Big, Beautiful Bill“, ein Haushaltsgesetz, das das Defizit weiter erhöhte. Musk kritisierte, damit werde die Kernaufgabe von Doge untergraben. Der Moment hatte etwas Tragikomisches: Der Mann, der mit der Kettensäge kam, stellte fest, dass andere längst mit dem Vorschlaghammer arbeiteten.

Die eigentliche Pointe folgte in der Kostenrechnung. Die Organisation Partnership for Public Service kam zu dem Ergebnis, dass Doge allein in den ersten 100 Tagen rund 135 Milliarden Dollar kostete – durch Produktivitätsverluste, Entlassungs- und Wiedereinstellungszyklen sowie Abfindungen. Rechtskosten und Steuerausfälle durch Personalabbau beim IRS waren darin noch nicht einmal enthalten. Sparen erwies sich als teuer, Effizienz als aufwendig.

Auch aus der Wirtschaft kam Kritik. Matt Calkins, Chef des Softwareunternehmens Appian, erklärte, Doge habe die falschen Hebel angesetzt. Statt Regulierung zu vereinfachen, habe man Arbeitsplätze vernichtet und Unruhe gestiftet. Ein guter Weg, sich Feinde zu machen, aber kein besonders guter, um Fortschritt zu erzielen. Die Kettensäge erzeugte Lärm, der Taschenrechner blieb stumm.

Am Ende zog Musk selbst ein ernüchterndes Fazit. Seine Arbeit für die Trump-Regierung sei „mäßig erfolgreich“ gewesen. Vielleicht hätte er besser an seinen Unternehmen gearbeitet, sagte er. Und dann dieser Satz, fast beiläufig: „Und sie hätten die Autos nicht angezündet.“ Tatsächlich wurden Teslas im Zuge von Protesten gegen sein politisches Engagement in Brand gesetzt. Ein Bild, das das Doge-Erbe präziser zusammenfasst als jede Statistik.

So bleibt das „Department of Government Efficiency“ als politisches Experiment in Erinnerung, das zeigen wollte, wie man Staat wie ein Start-up führt – und stattdessen demonstrierte, warum Regierungen keine Beta-Versionen sind. Große Versprechen, diffuse Einsparungen, konkrete Schäden. Die Revolution wurde angekündigt, der Aktenordner geschlossen. Zurück blieb ein Meme mit Rechnung.