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Kanonenboote, Cowboys und die schwimmende Moral: Wie vor Venezuela Weltpolitik Seegang bekommt
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Es gibt Momente in der internationalen Politik, in denen man sich fragt, ob das Drehbuch von Diplomaten oder von Drehbuchautoren geschrieben wurde. Die jüngsten Ereignisse vor der Küste Venezuelas liefern genau diesen Stoff. US-Kriegsschiffe kreuzen vor fremden Hoheitsgewässern, Boote angeblicher Drogenschmuggler werden angegriffen, Öltanker blockiert – und im UN-Sicherheitsrat wird mit ernster Stimme darüber diskutiert, ob das nun Sicherheitspolitik, Einschüchterung oder schlicht eine maritime Neuinterpretation des Faustrechts ist.
Die Regie liegt bei Donald Trump, der den Kampf gegen den Drogenhandel offenbar als eine Art Hochsee-Actionfilm versteht. Seit September greift die US-Armee in der Karibik und im Ostpazifik Boote an, die als Drogenschmuggler gelten. Mehr als 100 Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Festnahmen? Prozesse? Beweise? Das sind Details aus ruhigeren Zeiten. Heute reicht ein Verdacht, ein Zielpunkt und ein ausreichend großes Schiff.
Neu ist der nächste Schritt in dieser Dramaturgie: Die Kontrolle von Öltankern. Öl ist bekanntlich keine Ware, sondern ein politisches Argument mit Viskosität. Wer Öltanker stoppt, stoppt nicht nur Schiffe, sondern Haushalte, Löhne und staatliche Handlungsspielräume. Washington nennt das Druck, Caracas nennt es Erpressung, Moskau nennt es Aggression, Peking nennt es Einschüchterung. Das Völkerrecht hört zu und macht sich Notizen.
Im Sicherheitsrat meldete sich Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja zu Wort und sprach von einem „offensichtlichen Akt der Aggression“. Er warf den USA „Cowboy-Verhalten“ vor. Das ist jener Moment, in dem sich die internationale Bühne kurz in ein Western-Set verwandelt. Die Rollen sind klar verteilt: hier der Sheriff mit globalem Mandat, dort die Kritiker, die empört feststellen, dass Schießereien auf offener See selten zur Befriedung beitragen.
Unterstützung erhielt Venezuela von China. Der chinesische Vertreter erklärte, man lehne einseitige Maßnahmen und Einschüchterung ab und unterstütze alle Länder bei der Verteidigung ihrer Souveränität und nationalen Würde. Ein Satz wie aus dem Lehrbuch für internationale Prinzipien – vorgetragen mit der Gelassenheit einer Großmacht, die weiß, dass Prinzipien besonders gut klingen, wenn sie weit entfernt von der eigenen Küste angewendet werden.
Die US-Seite konterte mit einem Klassiker. Der amerikanische UN-Botschafter erklärte, die Vereinigten Staaten würden alles tun, um „unsere Hemisphäre, unsere Grenzen und das amerikanische Volk zu schützen“. Die eigene Hemisphäre ist dabei ein bemerkenswert flexibler Begriff. Er reicht offenbar bis dorthin, wo amerikanische Interessen schwimmen. Sicherheit wird so zur globalen Dienstleistung, die ohne Einladung geliefert wird.
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro sieht hinter dem Vorgehen Washingtons wenig überraschend einen Plan zu seinem Sturz. Sein UN-Botschafter sprach von der größten Erpressung in der Geschichte des Landes. Man habe es mit einer Macht zu tun, die außerhalb des Völkerrechts agiere und faktisch verlange, Venezuela möge sein Land räumen und übergeben. Eine geopolitische Übergabe mit militärischer Begleitmusik.
Objektiv betrachtet prallen hier Narrative aufeinander, die alle für sich genommen stimmig klingen – und gemeinsam ein beeindruckendes Chaos erzeugen. Die USA präsentieren sich als Ordnungsmacht, die den Drogenhandel bekämpft, indem sie militärisch vorgeht. Dass der Drogenhandel jahrzehntelang trotz militärischer Maßnahmen floriert, stört diese Erzählung nur am Rand. Venezuela sieht sich als Opfer einer hybriden Blockade, Russland und China als Hüter des Völkerrechts, das sie mit großem Ernst verteidigen – solange es gerade passt.
Besonders bemerkenswert ist die amerikanische Definition von „Drogenschmuggler“. Sie scheint sich dort zu ergeben, wo ein Boot fährt und nicht die richtige Flagge trägt. Gerichte spielen keine Rolle, Anklageschriften ebenso wenig. Die Entscheidung fällt auf dem Meer, schnell und endgültig. Kritiker sprechen von außergerichtlichen Hinrichtungen. Die USA sprechen von Schutzmaßnahmen. Das Meer kennt den Unterschied nicht.
Die Blockade von Öltankern hebt das Geschehen endgültig aus der Grauzone in den Bereich offener Machtdemonstration. Öl ist die Lebensader Venezuelas. Wer sie zudreht, muss sich nicht mehr mit politischen Argumenten aufhalten. Dass Russland und China dies im Sicherheitsrat scharf kritisieren, gehört zur Pflichtübung. Dass es dort dennoch keine handfesten Konsequenzen gibt, ebenso. Der Sicherheitsrat ist ein Ort großer Empörung und begrenzter Wirkung – ein Parlament der Worte, nicht der Taten.
Die Ironie dieser Episode liegt in der Rollenverteilung. Die USA beanspruchen, Ordnung zu schaffen, indem sie das Völkerrecht dehnen. Russland und China verteidigen das Völkerrecht, indem sie es rhetorisch hochhalten. Venezuela beruft sich auf Souveränität, während es wirtschaftlich am Abgrund steht. Alle Akteure spielen ihre Rolle mit Überzeugung. Das Stück läuft weiter, auch wenn das Publikum längst weiß, wie es endet: mit keiner Lösung, aber vielen Stellungnahmen.
So wird das Meer vor Venezuela zur Bühne eines altbekannten Schauspiels. Kriegsschiffe ersetzen Gespräche, Sanktionen ersetzen Diplomatie, und der Begriff „Sicherheit“ ersetzt jede weitere Erklärung. Das Völkerrecht schwimmt irgendwo dazwischen, mit Rettungsring, aber ohne Steuermann.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass globale Ordnungspolitik erstaunlich oft nach dem gleichen Muster funktioniert: Wer Macht hat, erklärt sie zum Schutz. Wer keine hat, nennt sie Aggression. Und während Cowboys und Kritiker sich gegenseitig beschreiben, treibt das eigentliche Problem weiter auf offener See – unbehelligt, bewaffnet und bestens finanziert.