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Sieben Klicks gegen den Amtsschimmel – Wie der Staat Bürokratie offiziell meldet
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Die Bundesregierung hat eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen: Bürokratie kann nerven. Dieser Geistesblitz ist so revolutionär, dass man ihn nicht einfach intern besprechen konnte. Nein, dafür brauchte es ein neues Portal. Schließlich lässt sich ein jahrzehntealtes Verwaltungsproblem nur mit den Waffen bekämpfen, die es selbst hervorgebracht hat: mit einem Formular.
Unter der hoffnungsvoll schlichten Adresse „einfach-machen.gov.de“ lädt der Staat nun Bürgerinnen und Bürger dazu ein, Bürokratie-Baustellen zu melden. Das klingt fast so, als könne man den Amtsschimmel künftig einfach online streicheln und ihm dabei freundlich erklären, dass er vielleicht etwas langsamer wiehern sollte. Wer also gerade dabei ist, einen Antrag auszufüllen, um einen Antrag zu beantragen, darf kurz innehalten und stattdessen einen Antrag stellen, um diesen Antrag zu kritisieren. Partizipation nennt man das in der Demokratie.
Objektiv betrachtet ist die Idee nachvollziehbar. Bürokratie ist notwendig, sie sorgt für Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Gleichbehandlung. Ohne Regeln gäbe es Chaos, Korruption und vermutlich auch Menschen, die ihren Personalausweis mit Buntstiften selbst ausstellen. Gleichzeitig hat Bürokratie die bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, sich selbst zu vermehren – vorzugsweise nachts, in stillen Amtsstuben, zwischen Absatz 4b und Unterpunkt iii.
Das neue Portal soll Abhilfe schaffen. Über ein „nutzerfreundliches Formular“ können Hindernisse beschrieben und Verbesserungsvorschläge eingereicht werden – laut Ministerium mit nur sieben Klicks. Sieben Klicks! Eine Zahl, die in Verwaltungskreisen fast schon als Sprint gilt. Zum Vergleich: Für manche Online-Dienste braucht man mehr Klicks, um herauszufinden, dass man sie doch nur persönlich beantragen kann.
Nach dem Absenden beginnt der eigentliche Zauber der Verwaltungsmodernisierung. Die eingehenden Meldungen werden zunächst „halb-automatisiert manuell“ klassifiziert. Diese Wortschöpfung ist ein Meisterwerk deutscher Verwaltungssprache. Sie bedeutet vermutlich: Ein Computer sortiert vor, ein Mensch schaut drüber, ein weiterer Mensch schaut sicherheitshalber nochmal drüber, und am Ende wird alles ausgedruckt – für den Fall, dass der Computer sich geirrt hat oder der Strom ausfällt.
Später, so das große Versprechen, soll die Klassifizierung vollständig automatisiert mithilfe Künstlicher Intelligenz erfolgen. KI also, die erkennt, dass ein Formular zu lang, ein Verfahren zu kompliziert oder eine Zuständigkeit zu unklar ist. Man darf gespannt sein, wie lange es dauert, bis die KI selbst eine Meldung einreicht, weil sie für ihre Auswertung zu viele Unterlagen benötigt.
Der zuständige Digitalminister spricht von einer „zentralen Anlaufstelle für die Bürokratie-Sorgen der Bürger und Unternehmen“. Objektiv ist das korrekt. Satirisch betrachtet klingt es, als habe man ein Beschwerdepostfach für ein Problem eingerichtet, das seit Jahrzehnten bestens dokumentiert ist. Die Verwaltung weiß, dass sie kompliziert ist. Die Bürger wissen es. Die Unternehmen wissen es. Jetzt weiß es auch ein Portal.
Besonders ambitioniert ist die geplante Ansiedlung des Projekts beim Statistischen Bundesamt. Dort sollen die Meldungen künftig zusammengeführt und empirisch ausgewertet werden. Endlich bekommt die Bürokratie, was sie verdient: Statistiken. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie künftige Berichte aussehen könnten. „Durchschnittliche Bearbeitungsdauer eines Hinweises auf zu lange Bearbeitungsdauer“ oder „Anzahl der Meldungen, die wegen unklarer Zuständigkeit weitergemeldet wurden“.
Objektiv betrachtet ist das Portal Ausdruck eines ernsthaften Reformwillens. Der Staat signalisiert: Wir hören zu, wir sammeln, wir analysieren. Doch genau hier liegt die satirische Bruchstelle. Bürokratie entsteht nicht aus Unwissen, sondern aus Angst vor Fehlern, Haftung, Kontrollverlust – und aus dem tief verwurzelten Glauben, dass jedes Problem mit einer zusätzlichen Regel lösbar ist.
So wird das Bürokratie-Meldeportal selbst Teil des Problems, das es lösen will. Es schafft neue Prozesse, neue Zuständigkeiten, neue Auswertungslogiken. Es produziert Daten, die verwaltet werden müssen. Und es erzeugt Erwartungen, die irgendwo zwischen Hoffnung und Aktenzeichen landen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie viele Klicks ein Hinweis benötigt, sondern was danach passiert. Werden Verfahren vereinfacht? Gesetze geändert? Zuständigkeiten zusammengelegt? Oder entsteht am Ende ein jährlicher Bericht, der feststellt, dass Bürokratie als komplexes Phänomen weiterhin komplex ist?
Satirisch zugespitzt könnte man sagen: Der Staat hat beschlossen, Bürokratie nicht länger zu ignorieren, sondern sie offiziell zu erfassen, zu kategorisieren und statistisch zu begleiten – und damit endgültig in den Rang eines anerkannten Verwaltungsproblems mit eigener Infrastruktur zu erheben.
Am Ende bleibt ein gemischter Eindruck. Das Portal ist gut gemeint, vielleicht sogar hilfreich. Es ist ein Zeichen dafür, dass Bürokratie nicht länger als Naturgesetz akzeptiert wird. Gleichzeitig zeigt es die paradoxe Logik staatlicher Selbstreform: Um Bürokratie abzubauen, wird sie zunächst professionell organisiert.
Oder kurz gesagt: Deutschland hat jetzt ein Formular, mit dem man melden kann, dass es zu viele Formulare gibt. Konsequenter war Bürokratieabbau selten.