- Veröffentlicht am
- • Politik
Zwischen Rückwärtsgang und Zukunftsvision – Europas zögerlicher Abschied vom Verbrenner
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Europa wollte einst Geschichte schreiben. Nun scheint es eher daran interessiert, sie zu überarbeiten – mit Bleistift, Radiergummi und dem Hinweis, man habe es ja „nie ganz so gemeint“. Das geplante Aus für neue Verbrennungsmotoren ab 2035, lange Zeit als unumstößliches Symbol europäischer Klimapolitik verkauft, steht plötzlich wieder zur Disposition. Und wie bei jeder politischen Kehrtwende gilt: Es ist kein Rückzieher, sondern eine „Neubewertung der Realität“.
Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass rund zwei Drittel der Deutschen eine Aufweichung des Verbrenner-Verbots unterstützen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass hier nicht nur eine Technologie verteidigt wird, sondern ein Lebensgefühl. Der Verbrennungsmotor ist für viele mehr als ein technisches Bauteil – er ist Verlässlichkeit, Gewohnheit, das sonore Brummen der Sicherheit. Ladezeiten sind unromantisch, Reichweitenangst ist real, und die Vorstellung, beim Sonntagsausflug zuerst eine App statt eines Schlüssels zu brauchen, wirkt auf viele eher dystopisch als zukunftsweisend.
Vor diesem Hintergrund ließ der Chef der Europäischen Volkspartei durchblicken, dass das Verbrenner-Aus ab 2035 wohl doch nicht das Ende der Fahnenstange markiert. Statt vollständiger CO₂-Neutralität sollen Autohersteller künftig „nur noch“ 90 Prozent Emissionsreduktion erreichen. Die verbleibenden zehn Prozent wirken dabei wie ein politischer Schonraum – eine Art nostalgische Reserve für alle, die sich vom Abschied noch nicht verabschieden können.
Objektiv betrachtet ist das eine erhebliche Kursänderung. Jahrelang wurde der Verbrenner symbolisch beerdigt, rhetorisch eingeäschert und strategisch aus dem Verkehr gezogen. Nun wird er wieder ausgegraben, abgewischt und mit dem Hinweis versehen, dass er ja eigentlich noch ganz gut läuft. Alle derzeit in Deutschland produzierten Motoren könnten damit weiter gebaut und verkauft werden. Für die Industrie ist das eine Einladung zum Durchatmen, für Investoren ein Signal der Verlässlichkeit – für Kritiker allerdings ein Lehrstück politischer Unentschlossenheit.
Der Vorsitzende der Grünen reagierte entsprechend scharf. Die Abkehr vom klaren Verbrenner-Aus sei „zukunftsfeindlich“, konservative Politik schade Europa technologisch und treffe langfristig gerade jene Beschäftigten, die sie angeblich schützen wolle. Die Argumentation folgt einer klaren Linie: Wer zu spät umsteigt, verpasst den Anschluss. Wer alte Technologien künstlich am Leben hält, verhindert den Aufbau neuer Kompetenzen.
Satirisch betrachtet gleicht der Streit einem europäischen Verkehrsunfall in Zeitlupe. Auf der einen Spur steht die Vision: emissionsfrei, elektrisch, klimaneutral. Auf der anderen die Realität: Produktionsketten, Arbeitsplätze, Wählerstimmungen. Statt auszuweichen, wird geblinkt, gebremst, beschleunigt und wieder gebremst – während man sich gegenseitig vorwirft, die falsche Fahrweise zu wählen.
Besonders auffällig ist dabei der Umgang mit den Beschäftigten in den großen Automobilstandorten. Sie werden von allen Seiten beschworen, beschützt und rhetorisch umarmt. Mal gelten sie als Opfer grüner Technologiegläubigkeit, mal als Leidtragende konservativer Verzögerungspolitik. Objektiv sind sie vor allem eines: Spielball eines Strukturwandels, der politisch moderiert werden sollte, statt ihn ständig neu zu vertagen.
Die konservative Argumentation setzt auf Pragmatismus. Elektromobilität entwickle sich langsamer als geplant, Ladeinfrastruktur sei unzureichend, Verbraucher seien skeptisch. All das ist nicht falsch. Doch satirisch überspitzt klingt es, als müsse Zukunftspolitik vor allem dann zurückgestellt werden, wenn sie unbequem wird. Der Maßstab ist nicht mehr das Ziel, sondern die momentane Laune des Marktes – und der Markt hat bekanntlich selten Geduld.
Die grüne Position wiederum setzt auf Konsequenz und Geschwindigkeit. Europa müsse technologischer Spitzenreiter bleiben, sonst werde es abgehängt. Auch das ist plausibel. Doch auch hier liegt eine satirische Schieflage: Als ließe sich gesellschaftlicher Wandel per Verordnung beschleunigen, unabhängig davon, ob Infrastruktur, Akzeptanz und wirtschaftliche Realität Schritt halten. Zukunft, so scheint es, soll vor allem schnell kommen – selbst wenn noch niemand so recht weiß, wo sie parken soll.
Der eigentliche Konflikt liegt tiefer. Es geht nicht um Motoren, sondern um politische Glaubwürdigkeit. Wenn langfristige Ziele immer wieder relativiert werden, verlieren sie ihre Steuerungswirkung. Heute sind es zehn Prozent Restemissionen, morgen vielleicht fünfzehn, übermorgen „technologieoffene Übergangslösungen“. Der Weg in die Klimaneutralität droht zur Serpentinenstraße zu werden – mit vielen Kehren, aber wenig Geschwindigkeit.
Noch ist nichts entschieden. Die EU-Kommission will ihre Vorschläge präsentieren, danach müssen Parlament und Mitgliedstaaten Mehrheiten finden. Ob diese zustande kommen, ist offen. Sicher ist jedoch: Der Verbrennungsmotor ist politisch robuster als jede Prognose. Totgesagte leben länger – besonders dann, wenn sie Arbeitsplätze sichern, Wahlen beeinflussen und nostalgische Gefühle wecken.
Am Ende bleibt ein nüchterner Befund: Europa ringt weniger mit der Frage, welche Technologie die Zukunft prägt, als mit der Frage, wie viel Zukunft es sich politisch leisten will. Die Aufweichung des Verbrenner-Verbots ist kein rein technischer Schritt, sondern ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass Fortschritt in Europa oft nicht voranschreitet, sondern neu verhandelt wird – am liebsten kurz vor dem Ziel.
Satirisch gesprochen: Die Zukunft darf kommen. Aber bitte leise, langsam und möglichst so, dass man sie notfalls wieder zurück in die Garage stellen kann.