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Wenn Pillen zur Massenvernichtungswaffe werden: Amerikas Eskalation im Kampf gegen Fentanyl
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Die Vereinigten Staaten haben ein neues Kapitel im traditionsreichen Genre des „Kriegs gegen irgendetwas“ aufgeschlagen. Nach dem Krieg gegen den Terror, den Krieg gegen die Drogen und den Krieg gegen die Inflation folgt nun eine konsequente Weiterentwicklung: der Krieg gegen ein Schmerzmittel, das offiziell zur Massenvernichtungswaffe erklärt wurde. Präsident Donald Trump unterzeichnete ein entsprechendes Dekret und verlieh damit Fentanyl einen Status, den bislang Atomraketen, biologische Kampfstoffe und chemische Nervengifte für sich beanspruchen durften.
Trump begründete diesen Schritt mit drastischen Worten. „Keine Bombe hat eine solche Wirkung“, sagte er über das synthetische Opioid. Jährlich, so der Präsident, sterben 200.000 bis 300.000 Menschen an Fentanyl. Die offiziell erfassten Zahlen sind niedriger, aber dennoch alarmierend: Rund 48.000 Todesfälle im vergangenen Jahr, 76.000 im Jahr 2023. Selbst ohne rhetorische Aufrüstung bleibt Fentanyl eine der tödlichsten Substanzen der amerikanischen Gegenwart. Mit rhetorischer Aufrüstung wird es nun zur Bedrohung für die nationale Sicherheit.
Das Dekret liest sich entsprechend dramatisch. Illegales Fentanyl ähnele „eher einer chemischen Waffe als einem Betäubungsmittel“. Es stelle die Gefahr dar, als Mittel „konzentrierter, großangelegter Terrorangriffe“ eingesetzt zu werden. Damit wird ein Szenario entworfen, in dem Terroristen nicht mehr Sprengstoffgürtel, sondern Pillenpressen tragen. Satirisch betrachtet ist das eine bemerkenswerte Verschiebung: Der Dealer wird zum Waffeningenieur, der Konsument zum Opfer eines asymmetrischen Kriegs, und der Drogenumschlagplatz zum potenziellen Tatort eines Massenangriffs.
Objektiv betrachtet reagiert die US-Regierung auf eine reale Krise. Fentanyl ist extrem potent, billig herzustellen und schwer zu kontrollieren. Bereits winzige Mengen können tödlich sein. Die Substanz hat den illegalen Drogenmarkt grundlegend verändert und Überdosierungen zur häufigsten Todesursache junger Erwachsener in den USA gemacht. Dass der Staat darauf reagiert, ist nachvollziehbar. Dass er dafür das Vokabular des nuklearen Zeitalters bemüht, ist zumindest erklärungsbedürftig.
Mit dem Dekret werden Justiz- und Heimatschutzministerium ermächtigt, intensiver gegen Schmugglernetzwerke und Vorläufersubstanzen vorzugehen. Ermittlungen sollen ausgeweitet, Lieferketten durchleuchtet, internationale Verbindungen stärker überwacht werden. All das ließe sich auch unter der Überschrift Gesundheits- und Strafverfolgungspolitik einordnen. Die Einstufung als Massenvernichtungswaffe jedoch verschiebt den Fokus. Sie verwandelt ein komplexes soziales und medizinisches Problem in eine sicherheitspolitische Bedrohungslage.
Satirisch formuliert bedeutet das: Wo früher Sozialarbeiter, Ärzte und Präventionsprogramme gefragt waren, stehen nun theoretisch Sicherheitsbehörden, Grenzschutz und strategische Lagezentren bereit. Der Kampf gegen Sucht wird zur Verteidigungsmaßnahme, die Überdosis zur feindlichen Handlung. Es ist der Moment, in dem die nationale Sicherheitsstrategie möglicherweise bald eine Fußnote zur Schmerztherapie enthält.
Besonders deutlich wird die politische Stoßrichtung in der internationalen Dimension. Die Trump-Regierung wirft vor allem Mexiko, Kanada und China vor, den Schmuggel von Fentanyl und seinen Vorläuferstoffen zu begünstigen. Zeitweise wurden Strafzölle verhängt, um Druck aufzubauen. Im aktuellen Dekret werden diese Länder allerdings nicht namentlich erwähnt. Das verleiht dem Text eine gewisse diplomatische Eleganz: Jeder weiß, wer gemeint ist, aber niemand muss es offiziell aussprechen. Schuldzuweisung als Andeutungskunst.
Kritiker sehen in dem Schritt weniger eine neue Strategie als eine alte Logik in neuem Gewand. Der „War on Drugs“, seit den 1970er-Jahren immer wieder ausgerufen, hat Milliarden verschlungen, Gefängnisse gefüllt und Kartelle gestärkt, ohne das Problem nachhaltig zu lösen. Dass nun ausgerechnet eine rhetorische Eskalation die Wende bringen soll, wirkt auf manche Beobachter wie der Versuch, ein strukturelles Problem durch sprachliche Überhöhung zu bekämpfen. Satirisch betrachtet: Wenn die Realität nicht reagiert, erhöht man einfach die Lautstärke der Metapher.
Objektiv bleibt festzuhalten, dass Fentanyl keine Waffe im klassischen Sinn ist. Es explodiert nicht, es kontaminiert keine Landstriche, es zerstört keine Infrastruktur. Es wirkt still, individuell, statistisch. Seine Opfer fallen nicht auf Schlachtfeldern, sondern in Badezimmern, Autos oder Notunterkünften. Die Ursachen liegen in Überverschreibung, sozialer Not, psychischer Erkrankung und fehlendem Zugang zu Behandlung. Keine dieser Ursachen lässt sich durch eine militärische Kategorisierung beseitigen.
Die Einstufung als Massenvernichtungswaffe wirft zudem grundsätzliche Fragen auf. Wenn eine Droge diesen Status erhält, was folgt als Nächstes? Alkohol? Tabak? Zucker? Satirisch überspitzt ließe sich argumentieren, dass die Logik der Eskalation kaum Grenzen kennt. Wer lange genug sucht, findet fast überall statistische Todeszahlen, die sich für dramatische Vergleiche eignen.
Unterm Strich offenbart das Dekret vor allem eines: die enorme politische und gesellschaftliche Überforderung angesichts einer Krise, die sich nicht in Feindbilder pressen lässt. Fentanyl ist kein Gegner mit Flagge, keine Organisation mit Kommandozentrale. Es ist das Produkt globaler Märkte und lokaler Verzweiflung. Es zur Superwaffe zu erklären, mag politisch Aufmerksamkeit erzeugen – lösen wird es das Problem nicht.
Satirisch betrachtet bleibt der Eindruck, dass hier ein Flächenbrand mit einem besonders eindrucksvollen Warnschild bekämpft wird. Groß beschriftet, unübersehbar, alarmierend. Nur gelöscht wird er davon nicht.