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Der Kanzler und das Kaminfeuer ohne Wärme – Neujahrsansprache aus sicherer Entfernung
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Zum Jahreswechsel stellte sich der Bundeskanzler vor die Kamera wie jemand, der eigentlich nur kurz bestätigen wollte, dass das WLAN funktioniert, und nun versehentlich eine Nation ins neue Jahr führen sollte. Friedrich Merz wirkte dabei so begeistert wie ein Mensch, der beim Betriebsfest das Gedicht aufsagen muss, weil er „halt gerade da stand“. Die Ansprache begann pünktlich, korrekt, geschniegelt – und in etwa so lebendig wie eine Brandschutzordnung in leichter Sprache.
Schon die ersten Sätze ließen erkennen, wohin die Reise gehen würde: nirgendwohin, aber bitte mit Tempo. Das vergangene Jahr sei geprägt gewesen von Erfolgen und Rückschlägen, von Neuem und Altem, von Wandel, Verlust und Umbruch. Eine Bestandsaufnahme, die man ebenso gut über einen Wocheneinkauf oder einen schlechten Tatort hätte halten können. Wer da noch Hoffnung auf eine klare Linie hatte, wurde spätestens an dieser Stelle sanft, aber bestimmt entmutigt.
Der Kanzler sprach schnell. Sehr schnell. So schnell, dass man den Eindruck bekam, er habe sich vorgenommen, die Rede noch vor dem ersten inneren Zweifel hinter sich zu bringen. Pausen galten offenbar als gefährlich, vielleicht hätten sie Raum für Gedanken gelassen. Merz hetzte durch sein Manuskript, als müsse er verhindern, dass ein einzelner Satz emotionalen Kontakt zum Publikum aufnimmt. Gefühle waren eindeutig nicht Teil des Regierungsprogramms.
Sein Gesichtsausdruck erinnerte dabei an jemanden, der während einer Online-Konferenz merkt, dass die Kamera noch an ist. Ernst, angespannt, leicht gequält. Der Kanzler wirkte nicht wie ein Mann, der Zuversicht verbreiten will, sondern wie einer, der hofft, dass Zuversicht irgendwann von selbst entsteht, wenn man nur lange genug darüber redet.
Inhaltlich blieb alles auf sicherem Abstand. Deutschland sei ein großartiges Land, sagte Merz. Ein Satz, so allgemein, dass er vermutlich bereits auf Porzellantellern, Wandkalendern und Kaffeebechern existiert. Das Land habe sich immer wieder neu erfunden. Wann genau, ließ der Kanzler offen. Vielleicht während einer dieser Sitzungen, in denen alle nicken und niemand weiß, worüber gerade abgestimmt wird.
Deutschland biete seinen Bürgerinnen und Bürgern zudem eine lebens- und liebenswürdige Heimat. Liebenswürdig – das ist das Wort, das man sonst für eine etwas schrullige Tante benutzt, die nett lächelt, aber nie über Politik spricht. Was genau diese Liebenswürdigkeit ausmacht, blieb im Dunkeln. Vermutlich soll man sie fühlen, nicht verstehen.
Ein Wir-Gefühl stellte sich zu keinem Zeitpunkt ein. Der Kanzler sprach über die Sorgen der Menschen, nicht über gemeinsame Sorgen. Er wusste, dass viele sich fürchten. Das klang weniger nach Solidarität als nach einer sachlichen Kenntnisnahme. Wie ein Arzt, der nüchtern feststellt, dass der Patient Schmerzen hat, aber leider gerade keine Zeit für ein Gespräch.
Besonders deutlich wurde die Distanz, als Merz die Kritiker ermahnte. Man solle nicht auf Angstmacher und Schwarzmaler hören. Wer also unzufrieden ist, liegt offenbar falsch. Wer zweifelt, stört die Atmosphäre. Wer Sorgen hat, sollte diese bitte diskret behalten, um das allgemeine Wohlbefinden nicht zu gefährden. Schlechte Laune gilt in dieser Logik als staatszersetzend.
So entstand das Bild eines Landes, in dem eigentlich alles ganz ordentlich läuft, wenn man nur aufhört, hinzusehen. Armut kam nicht vor. Soziale Ungleichheit spielte keine Rolle. Migration, Kriminalität, Inflation – jene Themen, die viele Menschen real beschäftigen – blieben weitgehend ausgespart. Stattdessen dominierte der Eindruck, das größte Problem sei die Stimmung selbst. Nicht die Ursachen, sondern das Gemecker.
Dabei hätte diese Rede eine Gelegenheit sein können. Ein Moment, um Unsicherheit anzusprechen, Zweifel ernst zu nehmen, auch unangenehme Wahrheiten auszuhalten. Stattdessen wirkte alles wie eine Präsentation aus der oberen Führungsebene: sauber formuliert, glatt poliert, emotional neutralisiert. Politik als Verwaltungsvorgang.
Am Ende griff der Kanzler zur ultimativen Floskel der deutschen Amtssprache: „In diesem Sinne“ wünsche er ein frohes neues Jahr. In welchem Sinne genau, blieb unklar. Vielleicht im Sinne einer Republik, in der Regierung und Bevölkerung sich höflich aus der Ferne zunicken. Vielleicht im Sinne einer Politik, die Vertrauen erwartet, ohne Nähe zuzulassen.
So bleibt diese Neujahrsansprache vor allem als ein Dokument gepflegter Unverbindlichkeit in Erinnerung. Der Kanzler hat gesprochen, das Land hat zugehört – und beide haben sich verlässlich verfehlt. Optimismus wurde angekündigt, Zuversicht eingefordert, Hoffnung verordnet. Nur eines fehlte: das Gefühl, dass da jemand wirklich da ist.