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Politik

Vom Kloster zur Kommandozentrale: Wenn Seeon von Drohnen träumt

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Vom Kloster zur Kommandozentrale: Wenn Seeon von Drohnen träumt

Es gibt Momente in der Politik, da ist der Ort der Botschaft bereits die Pointe. Wenn sich eine Partei, die gern von Bodenständigkeit spricht, in ein bayerisches Kloster zurückzieht, um dort den militärischen Quantensprung des 21. Jahrhunderts zu planen, dann ist das kein Widerspruch, sondern Programm. In Kloster Seeon, wo früher Mönche über Demut, Maß und Vergänglichkeit meditierten, wird nun darüber nachgedacht, wie man Gegner bis tief ins Hinterland trifft. Die Spiritualität ist geblieben – nur die Inhalte wurden auf Hyperschall umgestellt.

Die CSU-Landesgruppe hat sich vorgenommen, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Das klingt nach Verantwortung, riecht aber nach Wettbewerb. Denn wenn es um militärische Stärke geht, ist Europa plötzlich eine Rangliste. Wer ganz oben steht, darf bestimmen, was Abschreckung ist und ab wann Frieden beginnt. Deutschland soll führen, und zwar nicht durch Worte, sondern durch Reichweite.

Das neue Glaubensbekenntnis trägt den Titel „Seeon26“. Ein Name, der klingt, als handele es sich um ein Reformjoghurt oder ein Achtsamkeitsseminar für verunsicherte Staaten. Inhaltlich ist es ein Sammelsurium aus allem, was militärisch modern, teuer und beeindruckend ist. Marschflugkörper, Hyperschallraketen, Präzisionswaffen, künstliche Intelligenz, weltraumgestützte Fähigkeiten. Wenn etwas in Rüstungsprospekten glänzt, findet es hier Erwähnung. Der Wunschzettel ist lang, das Pathos noch länger.

Herzstück der Vision ist die Umwandlung der Bundeswehr in eine „echte Drohnenarmee“. Mindestens 100.000 Drohnen sollen es sein. Hunderttausend kleine, günstige, smarte Fluggeräte, die alles können, außer widersprechen. Drohnen sind die perfekten Soldaten: Sie stellen keine Fragen, haben keine Gewerkschaft und brauchen keinen Urlaub. Sie summen, wenn man es ihnen sagt, und schweigen, wenn es politisch heikel wird.

Diese Drohnen sollen nicht allein fliegen, sondern denken. Künstliche Intelligenz wird ihnen beigefügt wie ein Bio-Siegel. Dazu kommen weltraumgestützte Fähigkeiten, was so klingt, als habe man beim Brainstorming irgendwann beschlossen, dass Satelliten zu banal klingen. Raumfahrt schafft Vertrauen. Wenn es aus dem All kommt, muss es wichtig sein.

Auch defensiv wird nicht gekleckert. Ein Luftverteidigungssystem nach dem Vorbild des israelischen Iron Dome soll Deutschland schützen, ausgestattet mit mindestens 2000 Abfangraketen. Zweitausend – genug, um sich sicher zu fühlen, aber nicht genug, um genau hinzusehen. Zahlen ersetzen hier Argumente. Je größer, desto beruhigender.

Die Ostsee wiederum soll vollständig überwacht werden. Unbemannte Unterwasserdrohnen sollen patrouillieren, kritische Infrastrukturen schützen und Sensornetze aufspannen. Die Ostsee als digitalisiertes Aquarium, in dem jedes Kabel, jeder Schatten und jeder neugierige Fisch erfasst wird. Sicherheit entsteht hier nicht durch Vertrauen, sondern durch permanente Beobachtung. Das Meer als Sicherheitsdienstleister.

Während all das geplant wird, bleibt eine Frage auffällig unbeantwortet: Wer soll das alles umsetzen? Eine Armee, die seit Jahren mit Beschaffungsproblemen kämpft, soll plötzlich Hightech in Massen produzieren, integrieren und betreiben. Aber Zweifel passen schlecht in ein Dokument, das Stärke ausstrahlen will. Also wird nicht gezweifelt, sondern gezählt.

Das Ganze wird verkauft als nüchterne Konsequenz aus den Lehren des Ukraine-Kriegs. Doch die eigentliche Lehre scheint eine andere zu sein: In unsicheren Zeiten greift man gern zu klaren Bildern. Drohnen sind solche Bilder. Sie sind sichtbar, messbar, fotogen. Diplomatie dagegen ist leise, langwierig und schwer in Bulletpoints zu pressen. Also bleibt sie Randnotiz.

Die Wahl des Klosters als Ort der Klausur verleiht dem Ganzen eine fast schon literarische Note. Wo einst Schweigen herrschte, wird nun über Schlagkraft gesprochen. Wo früher Demut gepredigt wurde, regiert jetzt die Reichweite. Vielleicht ist das der wahre Kern der Zeitenwende: Nicht nur die Politik hat sich verändert, sondern auch ihre Rituale. Der Rückzug ins Kloster dient nicht mehr der Selbstprüfung, sondern der Selbstvergewisserung.

Am Ende bleibt ein Bild: Deutschland, das in einem stillen Kloster sitzt und davon träumt, wie es laut werden kann. Hunderttausend Drohnen steigen auf, Hyperschallraketen gleiten durch Präsentationen, und irgendwo zwischen Weihrauch und WLAN entsteht das Gefühl, dass Sicherheit vor allem eine Frage der Ausstattung ist. Ob diese Vision Frieden bringt oder nur neue Gründe, ihn immer weiter in die Zukunft zu verschieben, bleibt offen. Sicher ist nur: Die Glocken von Seeon werden künftig nicht mehr das lauteste Geräusch sein.