Satiressum – Satire. Scharf. Subversiv.
Veröffentlicht am
Politik

Koffer statt Kasse: Wie Reichtum Verantwortung vermeidet

Autor
Koffer statt Kasse: Wie Reichtum Verantwortung vermeidet

Wenn sehr viel Geld plötzlich nervös wird, erkennt man das nicht an Schweißperlen, sondern an Umzugswagen. In den Villen des amerikanischen Technokapitalismus herrscht derzeit Aufbruchsstimmung – allerdings nicht in Richtung neuer Ideen, sondern in Richtung neuer Postleitzahlen. Der Grund ist ebenso schlicht wie erschütternd: Irgendwo im Westen der USA kam jemand auf den Gedanken, dass extrem Vermögende eventuell einen winzigen Teil ihres Reichtums zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen könnten. Seitdem wird gepackt, deklariert, transferiert und verabschiedet, als stünde eine feindliche Übernahme durch den Sozialstaat unmittelbar bevor.

An vorderster Front dieses eleganten Rückzugs marschiert Peter Thiel, eine Figur, die seit Jahren beweist, dass man mit großem Ernst an Freiheit glauben kann – solange sie möglichst keine Steuern kennt. Sein Abschied aus Kalifornien erfolgte so geräuschlos, wie es Menschen tun, die sehr laut erklären, dass sie nichts zu verbergen haben. Ein neuer Lebensmittelpunkt, ein anderer Himmel, vor allem aber: ein anderes Steuerrecht. Freiheit fühlt sich einfach besser an, wenn sie klimatisiert ist und keine Rechnung stellt.

Thiel ist dabei kein Einzelfall, sondern eher das Vorbild einer neuen Lifestyle-Bewegung: Minimaler Beitrag, maximaler Abstand. Wer es sich leisten kann, entdeckt plötzlich ungeahnte Sympathien für Florida, Texas oder Nevada. Orte, an denen man die Freiheit besonders schätzt – vor allem die Freiheit, von der Idee verschont zu bleiben, dass Infrastruktur, Bildung oder Gesundheitssysteme Geld kosten könnten. David Sacks etwa fand kurz vor Jahresende heraus, dass seine Firma dringend frische Luft in Texas braucht. Luft, in der Begriffe wie „Gemeinwohl“ schneller verdampfen.

Auch bei Google zeigte man sich reisefreudig. Sergey Brin und Larry Page sortierten Firmen, Strukturen und offenbar auch ihr Verhältnis zu einem Bundesstaat, der es gewagt hatte, über Umverteilung nachzudenken. Page setzte noch einen drauf und investierte in Immobilien, deren Preis selbst in diesen Kreisen als sportlich gilt. Wenn schon wegziehen, dann mit Stil. Und mit Meerblick. Verantwortung trägt sich leichter, wenn man sie aus der Distanz betrachtet.

Der Anlass für diesen kollektiven Ortswechsel ist eine Idee, die in anderen Ländern als vergleichsweise moderat gelten würde: Eine einmalige Abgabe für Menschen, deren Vermögen jenseits jeder praktischen Vorstellbarkeit liegt. Kein dauerhafter Zugriff, keine Enteignung, kein Klassenkampf – nur ein kleiner Einschnitt, um sehr reale Löcher zu stopfen. Löcher, die dort klaffen, wo Krankenversicherung, Lebensmittelhilfe und soziale Sicherheit enden. In der Welt der Tech-Elite gelten solche Bereiche jedoch als ineffizient, weil sie sich nicht exponentiell skalieren lassen.

Die Reaktion auf diese Idee ist bezeichnend. Statt über Verantwortung zu sprechen, wird über Flucht diskutiert. Statt über Beteiligung, über Vermeidung. Die Botschaft lautet: Wir sind gern Teil dieses Systems – solange es nichts von uns will. Alles andere empfinden wir als Angriff auf die persönliche Freiheit. Freiheit wird dabei neu definiert: Sie besteht offenbar darin, jederzeit gehen zu können, ohne etwas zurückzulassen.

Diese Haltung passt bemerkenswert gut zur politischen Großwetterlage. Donald Trump hat den Schulterschluss mit der Tech-Elite nie verborgen. Seine Vision von Wirtschaft besteht aus Wachstum, Deregulierung und der festen Überzeugung, dass Wohlstand automatisch nach unten durchsickert – sofern man ihn lange genug nicht stört. Dass genau dieses Durchsickern seit Jahren ausbleibt, gilt in diesem Weltbild als statistische Verzerrung.

Während an der Spitze Vermögen rotieren wie Planeten, kämpfen Millionen Amerikaner mit steigenden Preisen. Lebensmittel, Mieten, Energie – alles teurer, alles spürbar. Die Statistik mag erklären, dass Löhne ebenfalls gestiegen sind. Der Wocheneinkauf erklärt etwas anderes. Menschen vergleichen keine Kurven, sie vergleichen Kassenzettel. Und diese Kassenzettel haben sich in den letzten Jahren zu politischen Dokumenten entwickelt.

Trump reagiert auf diese Entwicklung mit der ihm eigenen Mischung aus Behauptung und Ankündigung. Mal erklärt er, die Preise seien gar nicht gestiegen. Mal verspricht er, sie bald zu senken. Wie genau, bleibt offen. Vorschläge reichen von Druck auf die Notenbank bis zu Eingriffen in Märkte, die außerhalb seiner direkten Zuständigkeit liegen. Besonders beliebt bleiben wirtschaftspolitische Allzweckwaffen wie Zölle, die zuverlässig das Gegenteil dessen bewirken, was versprochen wird. Dass sie Preise erhöhen, wird gelegentlich eingeräumt – aber nur „in Einzelfällen“.

Währenddessen wächst der Widerstand gegen das Modell einer Demokratie, die sich zunehmend wie ein VIP-Bereich anfühlt. Umfragen zeigen eine klare Mehrheit für eine stärkere Beteiligung der Superreichen. Nicht aus Neid, sondern aus Pragmatismus. Wenn immer weniger Menschen immer mehr besitzen, gerät das Gleichgewicht ins Wanken. Dass viele dieser Superreichen nun demonstrativ ihre Koffer packen, verstärkt eher das Problem, als dass es eine Lösung anbietet.

Denn der Exodus sendet eine deutliche Botschaft: Sobald Verantwortung konkret wird, wird Loyalität verhandelbar. Die Warnungen vor Kapitalflucht wirken dabei weniger wie sachliche Analysen als wie Erziehungsversuche. Wenn ihr uns nicht machen lasst, gehen wir. Es ist die ökonomische Version des Türknallens – nur mit Steuerberater.

Gleichzeitig gibt es auch andere Stimmen. Einige sehr Vermögende bleiben, äußern Verständnis für die Abgabe und weisen darauf hin, dass ihr Erfolg ohne das Umfeld, die Infrastruktur und die Menschen Kaliforniens kaum möglich gewesen wäre. Eine Sichtweise, die im derzeitigen Diskurs fast schon als radikal gilt: Reichtum nicht nur als Leistung, sondern auch als Produkt eines Systems zu begreifen.

So steht die amerikanische Gesellschaft an einem merkwürdigen Punkt. Ein Teil der Elite behandelt Demokratie wie ein Abo-Modell, das man kündigt, sobald die Gebühren steigen. Ein wachsender Teil der Bevölkerung hingegen fordert, dass dieses System wieder für mehr Menschen funktioniert – und nicht nur für jene, die es sich leisten können, jederzeit auszusteigen.

Der Umzug der Milliardäre ist damit weniger ein Drama als eine Offenlegung. Er zeigt, wie dünn die Bindung mancher Vermögen an das Gemeinwesen tatsächlich ist. Fünf Prozent genügen, um jahrzehntelange Standorttreue infrage zu stellen. Nicht, weil sie ruinös wären, sondern weil sie symbolisieren, dass auch extreme Privilegien nicht völlig folgenlos bleiben sollen.

Am Ende bleibt eine einfache Beobachtung: Wenn diejenigen, die am meisten profitiert haben, am schnellsten gehen, sobald sie etwas zurückgeben sollen, liegt das Problem nicht beim Staat. Es liegt bei einem Verständnis von Freiheit, das Verantwortung als Zumutung empfindet – und Gemeinschaft als Service, den bitte jemand anderes bezahlt.