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Egos im Steigflug: Wenn Visionäre und Sparfüchse um die Wahrheit kreisen

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Egos im Steigflug: Wenn Visionäre und Sparfüchse um die Wahrheit kreisen

Im globalen Theater der Selbstüberschätzung wurde eine neue Bühne eröffnet. Sie liegt irgendwo zwischen Umlaufbahn und Abflughalle, zwischen Satellitenschüssel und Billigpreisgarantie. Das Stück trägt den Arbeitstitel „WLAN oder Tod – ein Drama in 280 Zeichen“ und wird gespielt von zwei Männern, die beide überzeugt sind, dass ohne sie nichts fliegt: Elon Musk und Michael O’Leary.

Der Konflikt beginnt nicht mit Krieg, Krise oder Weltuntergang, sondern mit einer Todsünde des digitalen Zeitalters: jemand sagt Nein. O’Leary, Chef einer Airline, deren Geschäftsmodell auf der radikalen Reduktion von allem Überflüssigen basiert, verweigert sich der großen Heilsbotschaft aus dem All. Kein flächendeckendes Satelliteninternet in der Kabine, keine leuchtenden Augen beim Gedanken an Streaming über den Wolken. Stattdessen: Tabellen, Berechnungen, Treibstoffverbrauch. Dinge, die in Visionärskreisen als Verdachtsmomente gelten.

Denn Musk verkauft keine Technik, er verkauft Erlösung. Seine Welt ist eine, in der jedes Problem ein Update braucht und jede Ablehnung ein persönlicher Angriff ist. Wenn etwas nicht funktioniert, dann nicht wegen Physik, sondern wegen fehlendem Glauben. Dass jemand ausgerechnet mit Aerodynamik argumentiert, wirkt da ungefähr so respektlos wie ein Ketzer im Serverraum.

O’Leary wiederum ist kein Mann der großen Erzählungen. Er glaubt nicht an digitale Erweckungserlebnisse, sondern an den Taschenrechner. Für ihn ist ein Flugzeug kein Lifestyle-Produkt, sondern eine fliegende Kostenstelle. Alles, was nicht zwingend notwendig ist, gilt als feindlicher Akt gegen die Marge. Sein Idealzustand: ein Flugzeug, das startet, landet und unterwegs möglichst nichts tut – schon gar nicht Daten übertragen.

Was folgt, ist kein Dialog, sondern ein klassischer Schlagabtausch moderner Alphatiere. Beleidigungen ersetzen Argumente, Forderungen ersetzen Fakten. Musk fordert die Entlassung O’Learys, als würde er über einen schlecht programmierten Praktikanten sprechen. Ein Vorschlag aus dem Publikum, er könne die Airline doch einfach kaufen, wird begeistert aufgenommen. Kaufen, feuern, weitermachen – das ist Management nach dem Prinzip „Ich habe Internet, also habe ich recht“.

Die Ironie: Während Musk davon ausgeht, dass jeder Mensch auch in 10.000 Metern Höhe dringend online sein muss, basiert der Erfolg von Ryanair genau auf der gegenteiligen Annahme. Wer für 19,99 Euro fliegt, möchte ankommen, nicht streamen. Der durchschnittliche Passagier ist weniger an stabiler Verbindung interessiert als daran, dass sein Sitz nicht klingt wie ein leerer Joghurtbecher.

Doch diese banale Realität spielt im Streit keine Rolle. Es geht längst nicht mehr um Antennen oder Verbrauchswerte. Es geht um Deutungshoheit. Wer definiert Fortschritt? Der Mann mit den Satelliten oder der Mann mit der Sparschere? Der, der die Zukunft verspricht, oder der, der sie aus Kostengründen absagt?

Besonders reizvoll wird das Schauspiel, als sich auch die Marken selbst in den Ring werfen. Unternehmensaccounts, die früher nüchterne Pressemitteilungen verbreiteten, verhalten sich nun wie Schüler auf dem Pausenhof. Spott, Häme, kleine digitale Sticheleien. Die Grenze zwischen Konzernkommunikation und Meme-Seite ist längst gefallen – vermutlich aus Kostengründen.

Dass ausgerechnet Musks eigene Plattform X in diesem Kontext als Bühne dient, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Note. Ein Ort, an dem Meinungsfreiheit hochgehalten wird, solange sie zustimmt. Fällt das System kurz aus, wird es zur Vorlage für Spott – eine seltene Gelegenheit, den Prediger an seinen eigenen Servern zu messen.

Im Hintergrund schwebt dabei stets das große Versprechen des Silicon Valley: Technologie wird alles besser machen. Schneller, effizienter, vernetzter. O’Leary verkörpert den Gegenentwurf. Er zeigt, dass Erfolg auch daraus entstehen kann, Dinge nicht zu tun. Keine kostenlosen Extras, keine emotionalen Mehrwerte, keine digitalen Träume. Nur Transport von A nach B – möglichst billig, möglichst ohne Diskussion.

So wird der Streit zur Parabel auf unsere Zeit. Hier der Tech-Oligarch, der glaubt, dass jede Lebenslage optimierbar ist, wenn man sie nur ausreichend vernetzt. Dort der Pragmatiker, der weiß, dass jede Optimierung einen Preis hat – und dass irgendjemand ihn bezahlen muss. Der eine denkt in Visionen, der andere in Litern Kerosin.

Am Ende bleibt vor allem ein Erkenntnisgewinn für das Publikum: Die größten Turbulenzen entstehen nicht durch Wetter oder Technik, sondern durch gekränkte Eitelkeiten. Zwei Multimilliardäre streiten öffentlich darüber, wer die Realität besser verstanden hat, während Millionen Menschen einfach nur fliegen wollen – mit oder ohne WLAN.

Vielleicht liegt die wahre Komik dieses Dramas darin, dass beide Seiten überzeugt sind, für die Menschheit zu kämpfen. Der eine für die digitale Zukunft, der andere für den günstigen Ticketpreis. Und irgendwo zwischen diesen Polen sitzt der Passagier, schaut aus dem Fenster und denkt sich: Hauptsache, das Ding landet.