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Komplex ist das neue Nein – Europas Kunst, immer zu spät Recht zu haben
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Die westlichen Demokratien lieben Klarheit. Sie lieben sie so sehr, dass sie sie bevorzugt dann einsetzen, wenn sie nichts kostet. Nicolás Maduro ist ein Autokrat, heißt es seit Jahren. Er fälscht Wahlen, unterdrückt seine Bevölkerung, zerstört Institutionen und verwandelt ein ressourcenreiches Land in eine Mischung aus Notstandsverwaltung und politischem Escape Room. Darüber besteht Einigkeit. Einigkeit ist angenehm. Sie braucht keine Entscheidung.
Doch dann geschah etwas Unangenehmes: Die Vereinigten Staaten handelten. Nicht mit einem Sanktionspaket, nicht mit einem UN-Papier, sondern mit Spezialeinheiten. Maduro wurde festgenommen, außer Landes gebracht, politisch entfernt wie ein überfälliges Software-Update. Und plötzlich war sie da, die große europäische Kunstform: die vorsichtige Verstörung.
Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte mustergültig. Zuerst tat er, was man immer tut: Er stellte klar, dass Maduro ein schlechter Mensch sei. Ein Land ins Verderben geführt, Wahlen gefälscht, problematische Allianzen gepflegt, Drogengeschäfte, Chaos, Schuld, Elend – das ganze Set. Niemand musste widersprechen. Niemand wollte widersprechen. Die Empörung saß perfekt, geschniegelt, anerkannt.
Und dann kam der Moment, in dem es schwierig wurde. Denn nun ging es nicht mehr um Maduro, sondern um das, was die USA getan hatten. Und hier begann die eigentliche Meisterleistung. Die „rechtliche Einordnung“, so Merz, sei komplex. Ein Satz wie ein Nebelwerfer. Komplex heißt: nicht heute. Komplex heißt: vielleicht nie. Komplex heißt: Wir wissen, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist, aber bitte zwingen Sie uns nicht, es auszusprechen.
Das Völkerrecht müsse gelten, sagte Merz. Ein wunderschöner Satz. Er gehört in jede Stellungnahme wie Petersilie auf den Tellerrand. Er schmeckt nach Verantwortung, ohne satt zu machen. Dass das Völkerrecht in diesem Moment ungefähr so verbindlich war wie die AGB eines WLAN-Hotspots, erwähnte niemand.
Noch eleganter war der Hinweis, es dürfe jetzt keine politische Instabilität entstehen. Gesagt nach der militärischen Entfernung eines amtierenden Staatschefs. Das ist, als würde man nach einer Abrissbirne darum bitten, dass die Tapete heil bleibt. Aber der Satz stand da, staatsmännisch, ruhig, geschniegelt – und erfüllte seinen Zweck: Er klang wichtig.
Europa insgesamt reagierte ähnlich. Man nickte, man murmelte, man nahm sich Zeit. Viel Zeit. Zeit ist die Währung der Verantwortungslosigkeit. Während Frankreich offen empört reagierte und damit sofort als emotional auffällig galt, entschieden sich die meisten anderen für das diplomatische Yoga: maximale Dehnbarkeit bei minimaler Haltung.
Dabei war die Ausgangslage eigentlich simpel. Jahrelang hatte man erklärt, Maduro sei illegitim. Man hatte seine Präsidentschaft nicht anerkannt. Man hatte Sanktionen verhängt, Warnungen ausgesprochen, rote Linien gezogen, die sich im Nachhinein als dekorative Bodenmarkierungen erwiesen. Und nun, da jemand diese Linien überschritt, begann die große Verwirrung.
Dürfen die USA so etwas tun? Ist das erlaubt? Ist das klug? Ist das falsch? Ist das… kompliziert? Die Antworten darauf wurden nicht gegeben. Stattdessen wurde auf Übergänge verwiesen. Geordnete Übergänge. Demokratische Übergänge. Übergänge sind das politische Äquivalent zu „Wir hoffen, dass sich das von selbst erledigt“.
Donald Trump hingegen hatte keine Lust auf Übergänge. Er nannte den Angriff eine Festnahme. Eine Art internationale Verkehrskontrolle mit Kampfhubschraubern. Keine Invasion, kein Regimewechsel – nur Strafverfolgung mit Flugzeugträger. Dass gleichzeitig von Öl, Einfluss und Machtprojektion die Rede war, galt als Nebengeräusch.
Europa hörte zu und tat das, was es am besten kann: es ordnete ein, ohne einzuordnen. Man wollte die USA nicht verprellen, aber auch nicht applaudieren. Man wollte Maduro nicht verteidigen, aber auch nicht den Präzedenzfall feiern. Also formulierte man Sätze, die sich rückstandslos in jede Richtung interpretieren lassen.
Das Ergebnis war eine Außenpolitik der Fußnoten. Jeder Satz hatte ein Sternchen, jedes Sternchen eine Einschränkung, jede Einschränkung eine Hintertür. Am Ende wusste niemand mehr, wofür Europa eigentlich steht – außer dafür, dass man Dinge schwierig findet, sobald sie real werden.
Besonders bemerkenswert ist die Chronologie. Erst wird gehandelt, dann wird eingeordnet. Erst wird der Status quo verändert, dann wird Stabilität gefordert. Erst wird das Völkerrecht überholt, dann wird es zitiert. Das ist, als würde man nach einem Hausbrand erklären, Feuer sei grundsätzlich problematisch.
So bleibt der Eindruck eines Kontinents, der moralisch stets auf der richtigen Seite steht – solange niemand handelt. Der weiß, was falsch ist, solange es theoretisch bleibt. Und der jedes Mal in den administrativen Winterschlaf fällt, sobald jemand Fakten schafft.
Maduro ist weg. Die USA haben gehandelt. Europa hat nachgedacht. Und denkt noch. Wahrscheinlich sehr gründlich. Vielleicht sogar komplex.