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Prozent-Performance: Der große 15-Prozent-Tanz über dem Atlantik

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Prozent-Performance: Der große 15-Prozent-Tanz über dem Atlantik

In Brüssel liebt man Verträge. Dicke Verträge. Verträge mit Anhängen, Unteranhängen und einem Anhang für die Anhänge. Man liebt Sätze wie „rechtlich bindend“ und „gegenseitige Verpflichtung“. In Washington liebt man dagegen Zahlen, die sich gut rufen lassen. Besonders dann, wenn sie zweistellig sind und mit einem kräftigen Ausrufezeichen serviert werden.

Und so kam es, dass sich der Atlantik jüngst in eine Art schwimmende Rechenaufgabe verwandelte.

Zunächst war da ein Urteil des Obersten Gerichts der Vereinigten Staaten. Sechs Richter sagten: So geht das nicht. Drei sagten: Vielleicht doch. Die Mehrheit entschied, dass Zölle nicht einfach mit dem Notstands-Hammer verhängt werden dürfen. Zuständig sei der Kongress. Eine kleine Fußnote namens Gewaltenteilung meldete sich höflich zu Wort.

In vielen Demokratien hätte man jetzt eine Phase der Selbstreflexion erwartet. Vielleicht einen ruhigen Abend mit der Verfassung. Doch stattdessen folgte eine sportliche Disziplin namens Prozent-Sprint. Zehn Prozent Sonderzoll wurden angekündigt. Kurz darauf waren es fünfzehn. Offenbar hatte jemand festgestellt, dass zehn nicht ausreichend nach Entschlossenheit klingt.

In Brüssel saß man derweil mit dem Abkommen von Turnberry in der Hand – jenem schottischen Sommermoment, in dem man sich darauf geeinigt hatte, dass 15 Prozent die Obergrenze sein sollten. Obergrenze bedeutet in EU-Sprache: darüber wird es nicht mehr. In kreativer Zahleninterpretation kann es allerdings auch heißen: darunter wird es spannend.

Das Problem begann, als die neue Prozentwelle auf bereits bestehende Zölle traf. Wenn man zu bestehenden Abgaben noch etwas drauflegt, entsteht eine Summe. Und wenn diese Summe höher ist als die vereinbarte Obergrenze, dann entsteht in Brüssel ein Geräusch, das stark an ein kollektives Stirnrunzeln erinnert.

„Ein Abkommen ist ein Abkommen“, heißt es dort mit der Ruhe einer Buchhalterin, die ihre Excel-Tabelle verteidigt. In Washington wiederum klingt es eher nach: „Ein Abkommen ist eine hervorragende Grundlage für weitere kreative Ideen.“

Die EU-Kommission forderte Rechtssicherheit. Das ist dieses unspektakuläre, aber wichtige Konzept, bei dem Zahlen morgen noch gelten, wenn sie heute verkündet wurden. Unternehmen mögen das. Investoren mögen das. Sogar Lieferketten mögen das, weil sie ungern morgens aufwachen und feststellen, dass ihre Kalkulation über Nacht fünf Prozentpunkte zugenommen hat.

Der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament setzte vorsichtshalber eine Sondersitzung an. Gesetzgeberische Arbeit aussetzen, bis Klarheit herrscht. Man möchte schließlich nicht zustimmen, während sich die Zielmarke bewegt. Es ist ein bisschen wie Dartspielen auf einer Scheibe, die gleichzeitig rotiert und ihre Farben ändert.

Auf amerikanischer Seite versichert man derweil, dass die Abkommen Bestand haben werden. Man halte sich daran. Und man erwarte das auch von den Partnern. Die transatlantische Botschaft lautet also: Alles stabil. Nur die Prozentzahl ist gerade in Bewegung.

Für europäische Unternehmen wirkt diese Art von Stabilität ungefähr so beruhigend wie ein Navigationssystem, das bei jeder Kreuzung sagt: „Route wird neu berechnet.“ Wer Maschinen exportiert, braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Wer Autos verkauft, kalkuliert nicht gern mit einer variablen Gefühlsprozentzahl.

In den internationalen Märkten gilt Vertrauen als Währung. Und Vertrauen mag keine Überraschungszuschläge. Wenn innerhalb weniger Stunden aus zehn fünfzehn werden, entsteht der Eindruck, dass Prozentpunkte eine Art politisches Fitnessprogramm darstellen: mehr Widerstand? Mehr Gewicht. Mehr Kritik? Mehr Prozent.

Dabei ist 15 eine faszinierende Zahl. Sie klingt rund genug, um ernst genommen zu werden, aber nicht so dramatisch wie 25. Sie ist hoch genug für Schlagzeilen und niedrig genug, um noch als „vernünftig“ verkauft zu werden. Sie ist gewissermaßen die Goldlöckchen-Zahl der Handelspolitik.

Nur dummerweise war sie bereits vereinbart – als Maximum.

Nun sitzt man in Brüssel und fragt sich, ob 15 künftig 15 bleiben oder ob es sich um eine sehr flexible Obergrenze handelt, die bei Bedarf nach oben ergänzt wird. Vielleicht entsteht irgendwann eine neue mathematische Kategorie: 15 plus.

Das Urteil des Obersten Gerichts sollte eigentlich Klarheit schaffen. Stattdessen eröffnete es eine neue Runde im Prozent-Poker. Die Richter erinnerten daran, dass der Kongress zuständig ist. Die politische Reaktion erinnerte daran, dass Ankündigungen ebenfalls zuständig sein können – zumindest für Schlagzeilen.

Transatlantische Beziehungen leben von Vertrauen, Berechenbarkeit und einer gewissen Vorhersehbarkeit politischer Entscheidungen. Wenn jedoch Prozentzahlen wie Konfetti über den Ozean geweht werden, fühlt sich selbst die stabilste Handelsbeziehung plötzlich wie ein Überraschungsei an.

Am Ende steht die einfache Frage: Gilt der Deal? Oder gilt er bis zur nächsten Eingebung?

In Brüssel hofft man auf Klarheit. In Washington auf Durchsetzungsstärke. Und irgendwo dazwischen sitzt ein europäischer Mittelständler, schaut auf seine Kalkulation und fragt sich, ob er künftig einen Taschenrechner mit Update-Funktion benötigt.

Vielleicht ist das die wahre Innovation dieser Episode: Handelspolitik als Live-Event. Zahlen werden nicht nur beschlossen, sie werden performt. Prozentpunkte werden nicht nur festgelegt, sie werden zelebriert.

Und so schwappt der Atlantik weiter zwischen Vertragstreue und Zahlenakrobatik. Fünfzehn Prozent stehen im Raum. Die Frage ist nur: fest verankert – oder auf Rollen?