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Der Mann, der ausstieg, bevor das Navi „Bitte wenden“ schrie
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Es gibt Momente im politischen Leben, in denen jemand aufsteht, die Jacke nimmt und geht – nicht dramatisch, nicht unter Blitzlicht, sondern mit der ruhigen Gewissheit, dass der Raum hinter ihm bald sehr laut werden könnte. Volker Wissing scheint genau so einen Moment erwischt zu haben. Während andere noch mitten in der Debatte standen, hat er bereits den Ausgang gefunden – und schaut nun von draußen durch die Scheibe.
Drinnen: die FDP. Eine Partei, die gerade versucht, gleichzeitig Kompass, Karte und Ziel neu zu definieren – während sie bereits unterwegs ist. Man könnte sagen: Die Reise geht weiter, nur weiß niemand mehr so genau wohin.
Wissing hingegen wirkt erstaunlich entspannt. Er spricht von seiner neuen alten Rolle als Anwalt, freut sich auf Mandate und klingt dabei wie jemand, der gerade aus einem besonders anstrengenden Escape Room entkommen ist – während die anderen noch diskutieren, ob der Schlüssel vielleicht doch symbolisch gemeint war.
Seine Analyse der Lage fällt dabei so trocken aus, dass sie fast schon knistert. Der aktuelle Kurs der Partei? Fragwürdig. Nicht grundsätzlich falsch, nicht komplett absurd – einfach… sagen wir: mutig. Mutig im Sinne von „Wir probieren mal etwas aus und schauen später, ob es funktioniert oder ob wir plötzlich politisch im freien Fall sind“.
Besonders interessant ist der Begriff „libertär“, der derzeit offenbar als Leitmotiv dient. Ein Konzept, das in der Theorie nach maximaler Freiheit klingt, in der Praxis aber gelegentlich so wirkt, als hätte man beschlossen, das Steuer loszulassen, weil man ja schließlich auch ohne Lenken irgendwo ankommen kann. Wohin genau, bleibt dabei offen – Überraschungseffekt inklusive.
Wissing erinnert sich derweil an frühere Zeiten, in denen Liberalismus offenbar noch mehr war als ein Experiment mit offenem Ausgang. Eine Art politisches Menü mit mehreren Gängen, nicht nur der philosophischen Vorspeise „Jeder macht, was er will“. Heute scheint die Küche eher auf Minimalismus zu setzen: Weniger Staat, weniger Struktur, vielleicht auch weniger Orientierung – dafür aber maximaler Interpretationsspielraum.
Seine Absage an eine Rückkehr in die Parteiführung kommt entsprechend klar. Kein „Vielleicht“, kein „unter bestimmten Umständen“, kein „wenn das Team mich braucht“. Stattdessen die elegante Variante: „Ich habe jetzt etwas Besseres vor.“ Und dieses „Bessere“ besteht aus Paragrafen, Mandanten und vermutlich deutlich weniger überraschenden Richtungswechseln.
Es ist ein bisschen so, als hätte jemand jahrelang Achterbahn gefahren und sich nun entschieden, stattdessen spazieren zu gehen. Weniger Adrenalin, mehr Übersicht – und vor allem die Gewissheit, dass der Boden dort bleibt, wo er hingehört.
Doch der eigentliche Höhepunkt liegt in seinem Rückblick auf den Moment, als die politische Konstellation zerbrach. Damals, so lässt er durchblicken, habe er bereits gewarnt. Ein Klassiker. Der Satz, der in keiner politischen Rückschau fehlen darf. „Ich habe es kommen sehen“ ist gewissermaßen das „Ich wusste, dass es regnet“ der großen Politik – nur dass es hier nicht um ein paar Tropfen geht, sondern um ein ausgewachsenes Gewitter.
Die Pointe: Offenbar wollte damals niemand den Regenschirm aufspannen. Stattdessen wurde diskutiert, analysiert und vermutlich auch ein bisschen gehofft, dass sich das Wetter schon von selbst bessert. Spoiler: Hat es nicht.
Heute spricht Wissing von möglichen existenziellen Folgen für seine ehemalige Partei. Ein Begriff, der so schwer wiegt, dass er fast schon ein eigenes Büro braucht. Existenzkrise – das klingt nicht nach einem kleinen Umweg, sondern eher nach der Frage, ob das Navi überhaupt noch funktioniert oder ob man inzwischen quer durch die politische Landschaft fährt, ohne Ziel und mit leerem Tank.
Währenddessen versucht die FDP, ihre Position neu zu definieren. Freiheit, Verantwortung, Markt, Staat – alles wichtige Begriffe, die aktuell offenbar so kombiniert werden, dass am Ende ein politisches Sudoku entsteht, bei dem jede Zahl theoretisch passt, aber das Gesamtbild trotzdem irritiert.
Und Wissing? Der sitzt vermutlich in seiner Kanzlei, betrachtet einen Aktenstapel und denkt sich: „Hier ist wenigstens klar, wer klagt und wer antwortet.“ Eine Klarheit, die in der Politik manchmal ungefähr so selten ist wie ein pünktlicher Großflughafen.
Seine Rolle hat sich damit grundlegend verändert. Vom Mitspieler zum Kommentator, vom Entscheidungsträger zum Beobachter. Und vielleicht liegt genau darin der Reiz: Die Möglichkeit, Dinge auszusprechen, ohne gleichzeitig die Verantwortung tragen zu müssen, sie umzusetzen.
Das Ergebnis ist ein bemerkenswert ruhiger Blick auf ein ziemlich turbulentes Geschehen. Kein lautes Donnern, keine großen Gesten – nur eine Reihe präziser Hinweise darauf, dass der eingeschlagene Weg möglicherweise nicht der stabilste ist.
Und während die Partei weiter versucht, ihre Balance zu finden, steht Wissing am Rand, schaut zu und wirkt dabei erstaunlich zufrieden. Vielleicht, weil er genau weiß, dass es manchmal die klügste Entscheidung ist, rechtzeitig auszusteigen – bevor die Diskussion darüber beginnt, wer eigentlich das Steuer in der Hand hält.
Oder ob überhaupt noch jemand lenkt.