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Der Mann, der einfach sitzen blieb: Wie Jerome Powell die Kunst des Nicht-Aufstehens perfektioniert
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- tmueller
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Es gibt Menschen, die halten an Prinzipien fest. Und es gibt Menschen, die halten an ihrem Bürostuhl fest. Jerome Powell gehört eindeutig zur zweiten Kategorie – wobei er das so elegant macht, dass es fast schon wieder wie Prinzipientreue aussieht.
Während andernorts Politiker bei der leisesten Andeutung eines Problems hektisch ihre Rücktrittsrede googeln, hat Powell eine ganz eigene Strategie entwickelt: einfach sitzen bleiben. Und zwar so lange, bis entweder alle Fragen geklärt sind – oder niemand mehr welche stellt.
Der Anlass für das aktuelle Schauspiel ist dabei herrlich unspektakulär und gleichzeitig maximal explosiv: Es geht um Baukosten. Genauer gesagt um die Renovierung eines Gebäudes der Federal Reserve, bei der die Ausgaben offenbar beschlossen haben, sich frei zu entfalten. Geld, das eigentlich nur renovieren sollte, entwickelte plötzlich kreative Ambitionen und wuchs über sich hinaus.
Man kennt das aus dem Alltag: Man plant ein neues Badezimmer und endet mit einem Kredit, drei Nervenzusammenbrüchen und einer Dusche, die mehr kostet als ein Kleinwagen. Nur dass es hier eben nicht um Fliesen geht, sondern um Summen, bei denen selbst Excel kurz innehält und tief durchatmet.
Die Ermittlungen leitet Jeanine Pirro, eine Frau, die ungefähr so subtil vorgeht wie ein Presslufthammer im Wohnzimmer. Eingesetzt wurde sie von Donald Trump, was der ganzen Geschichte eine zusätzliche Würze verleiht – irgendwo zwischen Politthriller und Reality-Show.
Und mittendrin sitzt Powell. Unerschütterlich. Unbewegt. Wahrscheinlich mit exakt ausgerichtetem Kugelschreiber und der inneren Überzeugung, dass Stühle grundsätzlich nicht zum Verlassen gedacht sind.
Seine Botschaft ist klar: Erst wird alles untersucht, dann wird entschieden. Oder anders gesagt: Erst wird geprüft, ob es wirklich ein Problem gibt – und bis dahin gibt es keines. Ein Ansatz, der erstaunlich gut funktioniert, solange man ihn mit genügend Ruhe und einer gewissen Immunität gegenüber Schlagzeilen kombiniert.
Parallel dazu verkündet die Notenbank mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters, dass die Zinsen stabil bleiben. Zwischen 3,50 und 3,75 Prozent – eine Spanne, die ungefähr so aufregend klingt wie lauwarmes Mineralwasser, aber für die Weltwirtschaft den Unterschied zwischen „läuft“ und „läuft rückwärts“ bedeuten kann.
Die eigentliche Kunst besteht darin, beides gleichzeitig zu tun: die Wirtschaft steuern und die eigene Situation aussitzen. Multitasking auf höchstem Niveau. Während andere Menschen schon überfordert sind, wenn sie gleichzeitig telefonieren und laufen müssen, balanciert Powell Zinspolitik und Ermittlungen, ohne auch nur sichtbar mit der Augenbraue zu zucken.
Doch es kommt noch besser. Denn Powell deutet an, dass er möglicherweise auch nach dem offiziellen Ende seiner Amtszeit einfach… weitermachen könnte. Vorausgesetzt, sein designierter Nachfolger Kevin Warsh wird nicht rechtzeitig bestätigt.
Das ist ungefähr so, als würde ein Mieter sagen: „Mein Vertrag läuft zwar aus, aber solange kein neuer Mieter einzieht, bleibe ich einfach hier. Ist ja niemand da, der mich rausträgt.“
Diese Haltung eröffnet völlig neue Perspektiven für die Arbeitswelt. Kündigungsfristen? Optional. Vertragslaufzeiten? Interpretationssache. Der wahre Schlüssel zum Erfolg ist offenbar, einfach sitzen zu bleiben und überzeugend genug zu wirken.
Währenddessen schaut die politische Bühne gespannt zu. Die einen hoffen auf Konsequenzen, die anderen auf ein Wunder, und wieder andere darauf, dass sich das Ganze einfach von selbst erledigt. Spoiler: Das tut es selten.
Die Verbindung zu Donald Trump sorgt zusätzlich für ein gewisses Maß an dramaturgischer Eskalation. Wo er auftaucht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass aus einer einfachen Angelegenheit ein Ereignis mit mehreren Staffeln wird.
Und doch bleibt Powell die Ruhe selbst. Keine dramatischen Pressekonferenzen, keine emotionalen Ausbrüche, keine symbolischen Gesten. Stattdessen die stoische Kraft des Nichtstuns – eine Fähigkeit, die in der modernen Politik fast schon als Superkraft gelten kann.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis: Während alle anderen rennen, bleibt er einfach stehen. Oder besser gesagt: sitzen. Und in dieser unbeweglichen Position entfaltet sich eine Stabilität, die fast schon beneidenswert wirkt.
Natürlich stellt sich die Frage, wie lange das gutgehen kann. Irgendwann müssen Entscheidungen getroffen werden. Irgendwann müssen Konsequenzen folgen. Irgendwann wird jemand aufstehen müssen.
Aber bis dahin gilt offenbar: Wer sich nicht bewegt, kann auch nicht aus dem Gleichgewicht geraten.
So bleibt am Ende das Bild eines Mannes, der gleichzeitig ein ganzes Finanzsystem steuert und eine persönliche Krise ignoriert – und dabei so wirkt, als hätte er beides perfekt im Griff.
Ob das tatsächlich der Fall ist oder einfach nur sehr überzeugend aussieht, wird sich zeigen.
Bis dahin bleibt alles, wie es ist.
Die Zinsen. Der Stuhl. Und Jerome Powell.