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Ungarn sucht den Endgegner: Warum plötzlich alle schuld sind – außer denen, die regieren
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- tmueller
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In Ungarn scheint man derzeit ein neues Gesellschaftsspiel eingeführt zu haben: „Finde den Feind“. Die Regeln sind denkbar einfach. Man schaut sich um, zeigt irgendwohin und ruft: „Da! Schon wieder einer!“
Die Schwierigkeit besteht nicht darin, Feinde zu finden – sondern darin, überhaupt noch Orte zu entdecken, an denen keiner sitzt.
Denn laut politischer Dauerbeschallung ist das Land inzwischen von Gegnern umstellt. Sie sitzen im eigenen Parlament, sie sitzen in anderen Hauptstädten, und vor allem sitzen sie in Brüssel – vermutlich in besonders ergonomischen Bürostühlen und mit sehr gefährlichen Excel-Tabellen.
Die Vorstellung ist beeindruckend: Ein kleines Land, umgeben von einer globalen Allianz aus Politikern, Institutionen und vermutlich auch schlecht gelaunten Bürokraten, die alle dasselbe Ziel verfolgen – Ungarn maximal zu ärgern.
Währenddessen passiert im Inland etwas fast Unverschämtes: der Alltag.
Krankenhäuser wirken, als hätten sie beschlossen, den Begriff „historisches Gebäude“ sehr wörtlich zu nehmen. Schulen präsentieren sich als lebendige Denkmäler vergangener Renovierungsversuche. Und Straßen bieten Autofahrern ein Abenteuerprogramm, das irgendwo zwischen Rallye und archäologischer Expedition liegt.
Doch diese Themen haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind schwer als Feind zu inszenieren.
Ein Schlagloch lässt sich schlecht beschuldigen. Ein kaputtes Klassenzimmer gibt selten Interviews. Und ein Krankenhausflur hat die unangenehme Eigenschaft, einfach da zu sein.
Also richtet sich der Blick nach außen.
Dort ist alles viel einfacher.
Denn externe Gegner sind flexibel. Sie können alles sein: verantwortlich, gefährlich, unsichtbar oder gleichzeitig alles zusammen. Sie widersprechen nicht, sie organisieren keine Pressekonferenzen in Budapest und sie erklären nicht, warum ein Dach undicht ist.
Sie sind perfekt.
Besonders elegant wird das Ganze in Wahlkampagnen umgesetzt. Plakate zeigen mehrere Personen, ernst blickend, mit einer klaren Botschaft darunter: Risiko.
Ein einziges Wort, das alles erklärt – und gleichzeitig nichts.
Man könnte fast meinen, es handle sich um ein minimalistisches Kunstprojekt.
Doch hinter dieser Inszenierung steckt eine bewährte Strategie: Wenn die Realität kompliziert ist, erzählt man eine einfachere Geschichte.
Diese Geschichte hat drei Elemente:
- Es gibt viele Feinde.
- Sie sind sehr gefährlich.
- Nur wir können euch schützen.
Das funktioniert erstaunlich gut.
Denn Angst ist ein effizienter Motivator. Sie benötigt keine langen Erklärungen, keine detaillierten Analysen und keine Fußnoten.
Ein Plakat reicht.
Währenddessen entwickelt sich im politischen Hintergrund ein eher unangenehmes Problem: Konkurrenz.
Ein Herausforderer tritt auf, der nicht mit großen Feindbildern arbeitet, sondern mit etwas deutlich Unbequemerem – konkreten Themen.
Er spricht über Korruption, über staatliche Strukturen und über Dinge, die sich nicht so leicht in eine dramatische Erzählung einbauen lassen.
Und plötzlich passiert etwas Unerwartetes: Die Menschen hören zu.
In Umfragen liegt seine Partei vorne.
Das sorgt für eine gewisse Nervosität.
Denn wenn Wähler anfangen, sich für Details zu interessieren, wird es kompliziert.
Dann reicht es nicht mehr, auf ein Plakat zu zeigen und „Gefahr!“ zu rufen.
Dann kommen Fragen.
Warum ist das Gesundheitssystem so, wie es ist? Warum sehen Schulen aus, wie sie aussehen? Und warum fühlt sich der Alltag manchmal wie ein Dauerexperiment an?
Diese Fragen sind hartnäckig. Sie verschwinden nicht, nur weil man lauter spricht.
Also wird die Lautstärke erhöht.
Mehr Warnungen. Mehr Bedrohungsszenarien. Mehr klare Feindbilder.
Es ist ein bisschen so, als würde man versuchen, ein knarrendes Geräusch im Haus zu übertönen, indem man einfach die Musik aufdreht.
Das Problem bleibt – aber man hört es weniger.
Parallel dazu gibt es wirtschaftliche Verflechtungen, die in der öffentlichen Erzählung eher selten vorkommen. Energiepolitik, internationale Beziehungen und finanzielle Strukturen bilden ein Geflecht, das deutlich komplizierter ist als jedes Wahlplakat.
Doch Komplexität ist im Wahlkampf ungefähr so beliebt wie eine Bedienungsanleitung.
Also bleibt es bei der einfachen Version:
Wir gegen die anderen.
Diese „anderen“ sind dabei erstaunlich vielseitig. Sie können Politiker sein, Institutionen, ganze Länder oder einfach alles zusammen.
Ein flexibles Konzept.
Die Realität hat allerdings die unangenehme Eigenschaft, sich nicht vollständig an politische Erzählungen anzupassen.
Denn während die große Geschichte von äußeren Bedrohungen erzählt wird, erleben Menschen ihren Alltag.
Und dieser Alltag hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er lässt sich nicht wegplakatieren.
Ein kaputter Bürgersteig bleibt kaputt, egal wie viele Feinde auf Postern erscheinen.
Ein schlecht ausgestattetes Klassenzimmer wird nicht besser, nur weil irgendwo ein neues Narrativ entsteht.
Und genau hier entsteht die eigentliche Spannung.
Zwischen der großen Erzählung und der kleinen Realität.
Zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was erlebt wird.
Am Ende könnte sich herausstellen, dass die Suche nach Feinden ein erstaunlich praktisches Instrument ist – solange niemand zu genau hinschaut.
Doch sobald der Blick wieder auf die eigenen Verhältnisse fällt, verändert sich die Perspektive.
Dann geht es plötzlich nicht mehr darum, wer irgendwo sitzt.
Sondern darum, was vor der eigenen Haustür passiert.
Und das ist eine deutlich schwierigere Frage.
Denn sie lässt sich nicht mit einem einzigen Wort beantworten.
Schon gar nicht mit „Gefahr“.