- Veröffentlicht am
- • Politik
Schwarz auf Schwarz – Amerikas epische Aktenoper ohne Finale
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Wenn es eines gibt, das in den Vereinigten Staaten zuverlässig wächst, dann sind es Zahlen. Schulden, Wahlkampfspenden, Fernsehkanäle – und Aktenberge. Im aktuellen Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein hat sich ein besonders majestätisches Exemplar gebildet: mehr als zwei Millionen Dokumente, fein säuberlich gesammelt, katalogisiert, geprüft, erneut geprüft und anschließend vorsorglich nicht veröffentlicht. Transparenz, so lernt man, ist keine Handlung, sondern ein langfristiges Ziel mit offenem Enddatum.
Die gesetzliche Frist zur vollständigen Freigabe der Epstein-Akten ist seit Wochen abgelaufen. Doch anstatt peinlicher Stille liefert das US-Justizministerium beeindruckende Zahlen. 12.300 Dokumente seien bereits veröffentlicht worden. 125.000 Seiten! Das klingt nach einem Triumph der Offenheit, bis man erfährt, dass dies weniger als ein Prozent des Gesamtmaterials ist. Anders gesagt: Die Öffentlichkeit durfte einen Blick auf den Bordstein werfen, während der Wolkenkratzer dahinter weiterhin eingerüstet bleibt – aus Gründen der Sicherheit, versteht sich.
Besonders beruhigend wirkt die Personalstärke. Mehr als 400 Juristen und mindestens 100 FBI-Mitarbeiter sind mit der Sichtung beschäftigt. Das ist keine Behörde mehr, das ist ein Festival. Man stellt sich Konferenzräume vor, in denen Juristen im Kreis sitzen und darüber diskutieren, ob ein Komma auf Seite 873.421 eventuell Rückschlüsse zulassen könnte. Das FBI liefert derweil operative Unterstützung, vermutlich beim Tragen besonders schwerer Ordner und beim strategischen Nachschwärzen bereits geschwärzter Textstellen. Redundanz ist schließlich ein Grundpfeiler moderner Verwaltung.
Eigentlich hätten alle Unterlagen bis zum 19. Dezember veröffentlicht werden müssen. Doch Termine sind in der Politik bekanntlich eher Empfehlungen mit kreativer Auslegung. Die Frist wurde verpasst, aber nicht ignoriert – sie wurde sorgfältig umgangen. Stattdessen erscheinen Dokumente, deren Informationsgehalt in etwa dem eines schwarzen Lochs entspricht. Ganze Seiten sind vollständig geschwärzt, gelegentlich unterbrochen von einem einsamen Wort wie „und“ oder „der“, vermutlich um zu beweisen, dass darunter tatsächlich Text existiert.
Die offizielle Begründung lautet: Schutz der Opfer. Ein Satz, der so universell einsetzbar ist, dass er mittlerweile als Mehrzweckwerkzeug gilt. Er schützt Opfer, schützt Institutionen, schützt Karrieren und vor allem schützt er davor, unangenehme Fragen beantworten zu müssen. Kritiker fragen, warum sich der Schutz der Opfer ausgerechnet dort materialisiert, wo Namen, Verbindungen und Zeitachsen beginnen. Die Antwort darauf liegt wahrscheinlich ebenfalls in einem Ordner, der noch geprüft wird.
Die oppositionellen Demokraten werfen der Regierung von Präsident Donald Trump Gesetzesbruch vor. Die Regierung reagiert empört und erklärt, man halte sich selbstverständlich an Recht und Ordnung – nur eben in eigenem Tempo. Man prüfe sorgfältig, verantwortungsvoll und gründlich. Gründlichkeit ist in diesem Kontext ein faszinierendes Konzept: Sie endet nie, erzeugt aber regelmäßig neue Pressemitteilungen.
Währenddessen lernt die Öffentlichkeit eine neue Form des Wartens kennen. Nicht das ungeduldige Warten, sondern das institutionelle. Ein Warten, bei dem regelmäßig erklärt wird, warum es absolut notwendig ist, weiter zu warten. Man wartet nicht, weil man nichts tut, sondern weil man so viel tut, dass nichts herauskommen kann. Das ist Verwaltung auf einem höheren Level, fast schon philosophisch.
In Washington dürfte inzwischen ein eigenes Büro existieren, das ausschließlich damit beschäftigt ist, den Fortschritt der Prüfungen zu dokumentieren. Diagramme zeigen, wie viele Seiten pro Woche erneut geprüft wurden. Balkendiagramme, die belegen, dass man heute mehr schwärzt als gestern. Vielleicht gibt es sogar eine interne Auszeichnung: den Goldenen Textmarker für besonders konsequente Unkenntlichmachung.
Der Fall Epstein ist längst kein Ermittlungsverfahren mehr, sondern ein staatlich begleitetes Geduldsspiel. Jede Verzögerung nährt Spekulationen, jede Schwärzung schafft neue Fragen, und jede Erklärung erklärt vor allem, warum man noch nicht erklären kann. Transparenz wird so zur dekorativen Floskel, die man bei Bedarf hervorholt und anschließend wieder sorgfältig verpackt.
Man könnte fast meinen, das eigentliche Ziel bestehe darin, die Akten so lange unter Verschluss zu halten, bis das Interesse nachlässt oder die Dokumente aus reiner Altersschwäche zerfallen. Papier ist geduldig, Öffentlichkeit nicht immer. Doch auch dafür scheint man vorbereitet zu sein: Sollte irgendwann tatsächlich alles veröffentlicht werden, wird es vermutlich so umfangreich, so geschwärzt und so kleinteilig sein, dass niemand mehr weiß, wo er anfangen soll. Informationsfreiheit durch Überforderung.
Am Ende bleibt ein beeindruckendes Bild: Millionen Akten, hunderte Prüfer, eine verpasste Frist und eine Justiz, die mit stoischer Ruhe erklärt, warum genau das alles notwendig ist. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – wahrscheinlich auf Seite 1.734.982, Absatz 4. Leider ist diese Seite derzeit noch in Prüfung. Und vorsorglich geschwärzt.